Ouagadougou

Islamistischer Terror in der Sahelzone auf dem Vormarsch

Beunruhigend: Fast jede Woche gibt es in der Sahelzone zwischen 20 und 100 Tote bei Überfällen radikaler Islamisten. Droht eine weitere Eskalation? Die Prognose ist düster.

Menschen auf der Flucht in Burkina Faso
Auf der Flucht: Menschen versuchen der Gefahr zu entkommen. Hier fliehen Menschen vor Terror-Attacken in der Stadt Roffenega in Burkina Faso Ende Januar in die Stadt Kaya. Foto: Anne Mimault (X06642)

Die Weltöffentlichkeit hat von der eskalierenden Gewalt in der Sahelzone bisher nur begrenzt Notiz genommen. Doch mit der Destabilisierung Libyens und dem zunehmenden Stellvertreter-Krieg in dem Land nimmt jetzt auch das Interesse der internationalen Staatengemeinschaft an der unmittelbar von Libyen abhängenden Sahelzone wieder zu. Fast jede Woche gibt es zwischen 20 und 100 Tote bei Überfällen von radikalen Islamisten, vor allem in Niger, Burkina Faso, Tschad und Mali. Ausgehend von Mali und Niger sind mittlerweile bereits große Teile Burkina Fasos destabilisiert. Die Franzosen sind  mit ihrer mehr als viertausend Soldaten starken Anti-Terror-Einheit „Barkhane“ in der Region aktiv. Weitere 600 Soldaten werden entsandt,  um den Kampf gegen den Terrorismus in der Region zu verstärken. Zudem kämpfen in den fünf Sahel-Ländern Tschad, Niger, Mali, Mauretanien und Burkina Faso bereits mehr als fünftausend einheimische Soldaten für mehr Sicherheit. Trotzdem: der Terror breitet sich weiter aus.

Erstarken des militanten Islamismus

Seit Beginn der Krise in Libyen 2011 hat sich die Sicherheitslage in der Sahelregion vor allem durch das Erstarken des militanten Islamismus stetig verschlechtert. Die islamistische Gewalt richtet sich auch und bevorzugt gegen Kirchen und Vertreter von Religionsgemeinschaften. Der Bamberger Erzbischof  Ludwig Schick beklagt, das traditionell harmonische Zusammenleben von Christen und Muslimen sei „durch die Entwicklung der vergangenen Jahre in Gefahr geraten“. Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, hatte im vergangenen November in Berlin eine Arbeitshilfe zur Situation der Christen in der Sahel-Region vorgestellt. Auch der aus dem Tschad zur Vorstellung der Arbeitshilfe angereiste Erzbischof von N'Djaména, Edmond Djitangar, verwies auf die voranschreitende Islamisierung und Arabisierung des Tschad: „Man kann es mit zwei Metaphern zusammenfassen: Im Norden werden zaghaft Kapellen gebaut und im Süden vermehren sich Moscheen wie Champignons.“

Die Prognose ist düster: „Ganz Nordafrika destabilisiert sich durch die Lage in Libyen“, heißt es in einem Dossier des Bundesverteidigungsministeriums. Besonders betroffen könnten die krisengeschüttelten südlichen Nachbarländer Libyens sein, darunter die fünf Sahel-Staaten Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger und Tschad. Die Zunahme der Gewalt ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sich radikal islamistische Strukturen in der Region weiter verbreiten konnten, meint Ulrich Delius, Direktor der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), gegenüber dieser Zeitung: „Sie wurden niemals tatsächlich und umfassend von der französischen Armee oder Streitkräften aus den Sahel-Staaten zerstört. Mit der wachsenden Frustration der Zivilbevölkerung haben sie stetig neuen Zulauf und können Kämpfern auch einen gewissen Sold zahlen. Dies reicht für viele als Anreiz aus, um sich den islamistischen Kämpfern anzuschließen.“

Frankreich mahnt zu Unterstützung im Kampf gegen Extremismus

So wie Italien immer vor einer weiteren Eskalation in Libyen warnt, so mahnt Frankreich mehr Unterstützung für seinen Kampf gegen Extremismus in der Sahelzone an. Dabei ist sich Frankreich bei seinem Engagement in Mali und weiteren Staaten der Sahelzone auch nicht mehr der Unterstützung der lokalen Regierungen sicher, und erst recht nicht der Bevölkerung. Der französische Präsident Macron hatte daher zu einem Gipfeltreffen der Staatschefs aus der Region in das südfranzösische Pau eingeladen, um sie zur öffentlichen Unterstützung Frankreichs zu verpflichten. Deutschland oder andere EU-Staaten zeigen allerdings wenig Neigung, sich dort stärker militärisch zu engagieren. Gleichwohl hat Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer die Diskussion um ein stärkeres Engagement der Bundeswehr in der Region ins Rollen gebracht.

Die sich zuspitzende Lage in der Sahlzone alarmiert inzwischen auch die westafrikanischen Küstenstaaten. Auf einer afrikanischen Sicherheitskonferenz im vergangenen Jahr in Dakar warnte der senegalesische Präsident Macky Sall, wie wichtig der Frieden für die Region sei. „Frieden, Sicherheit und Stabilität in der Sahelzone sind integraler Bestandteil von Frieden, Sicherheit und Stabilität auf der ganzen Welt“, sagte Sall. „In der Sahelzone gegen den Terrorismus zu kämpfen, ist deshalb eine Aufgabe für alle; für alle, die Sicherheit wollen.“

 

Ein Akteur: Frankreich
Frankreich und die Sahel-Staaten wollen den Kampf gegen den islamistischen Terrorismus entscheidend verstärken und eine politische und militärische Koalition für das Sahelgebiet bilden. Die militärischen Anstrengungen sollen dabei auf die Bekämpfung der derzeit gefährlichsten Terrorgruppe, des „Islamischen Staates“ der Großen Sahara, konzentriert werden. Und zwar vor allem in der besonders betroffenen Grenzregion zwischen Mali, Niger und Burkina Faso, so Frankreichs Präsident Emmanuel Macron: „Um dieses Ziel zu erreichen, wollen wir unsere Vorgehensweise ändern und eine militärische Koalition bilden mit einem gemeinsamen Kommando der Mission Barkhane und den Streitkräften der G5-Sahel-Staaten.“ Frankreich werde dafür sein Engagement verstärken. Bislang hat Frankreich 4.500 Mann im Einsatz.

Die französische Militäroperation „Barkhane“ (Barkhane heißt übersetzt Sicheldüne) ist in fünf Ländern präsent: in Burkina Faso, Mali, Mauretanien, Niger und dem Tschad, mit insgesamt 4.500 Soldaten. Die französische Militäroperation in den fünf Sahelstaaten kostet nach Angaben französischer Medien 700 Millionen Euro im Jahr. Trotz der hohen Kosten ist der Erfolg des Einsatzes fraglich. In den fünf Staaten der Sahel-Zone war Frankreich einst Kolonialmacht, in allen Ländern wird nach wie vor auch französisch gesprochen. Die Sahelländer sind auch wirtschaftlich eng an Frankreich gebunden.

 

Ein Akteur: Die UNO

Mit rund 11.000 Blauhelmsoldaten und knapp 1.500 Polizisten trägt die Vereinte Nationen-Mission MINUSMA (Multidimensionale Integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali) zur Stabilisierung Malis bei. Die Bundeswehr kann sich mit bis zu 1.100 Soldaten an der Stabilisierungsmission beteiligen. Die deutsche Beteiligung an MINUSMA ergänzt die deutsche Teilnahme an der von der Europäischen Union geführten Ausbildungsmission EUTM (European Training Mission Mali). Die dabei von der europäischen Trainingsmission ausgebildeten malischen Streitkräfte werden unter anderem im Norden Malis zur Stabilisierung und Wiederherstellung der staatlichen Integrität eingesetzt. Anfangs beschränkte sich der Beitrag der Bundeswehr vor allem auf Stabspersonal, Verbindungsoffiziere sowie Flugzeuge zum Transport und zur Luftbetankung.

Derweil mahnt der Geschäftsführer der UNO-Flüchtlingshilfe, Peter Rubenstroh, humanitäre Hilfe an: „Die Regionen des Sahel, West- und Zentralafrika stehen aktuell nicht in den Schlagzeilen. Doch Tag für Tag gibt es dort Kämpfe und Anschläge. Zunehmend wird die Zivilbevölkerung Zielscheibe von Überfällen, Missbrauch und Entführungen. Die internationalen Gelder für die Not- und Entwicklungshilfe in dieser Region liegen deutlich unter dem riesigen Bedarf. Um den Betroffenen Hoffnung und Perspektiven zu geben, muss die Hilfe schnell aufgestockt werden.“

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