Irak: Christen starten Wiederaufbau

Irak: „Kirche in Not“ arbeitet an der Verwirklichung eines „Marshall Plans“ für die Niniveh-Ebene – Streit um Schutzzone für Christen

Es gibt viel zu tun, damit Christen hier wieder leben können: Zerstörte Hauptstraße in Karakosch im Nordirak. Foto: Kirche in Not
Es gibt viel zu tun, damit Christen hier wieder leben können: Zerstörte Hauptstraße in Karakosch im Nordirak. Foto: Kirche in Not

Königstein/Erbil (DT) Der Generalsekretär der Päpstlichen Stiftung „Kirche in Not“, Philipp Ozores, sieht trotz der verheerenden Folgen der Christenverfolgung durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) im Irak eine realistische Chance für den Fortbestand des Christentums in der Niniveh-Ebene. Der „Tagespost“ sagte Ozores, der vor zwei Wochen den Nordirak bereist hatte: „Tausende Christen sind weiterhin dort und fest entschlossen, in ihre Dörfer zurückzukehren. So heftig die Kämpfe teilweise waren – ein Großteil der Infrastruktur kann schnell wieder hergestellt werden.“ In kaum beschädigte Dörfer wie Telskuf kehrten vertriebene Familien bereits wieder zurück, um zu verhindern, dass andere ihre Häuser und Felder besetzten. „Ich selbst konnte sehen, wie Läden und Cafés geöffnet waren und der Schulbus die Kinder in die Schule in den – unbeschädigten – Nachbarort brachte“, so Ozores.

Wie Ozores dieser Zeitung sagte, geht es bei dem „Marshall Plan“ für den Wiederaufbau der vornehmlich christlichen Dörfer in der Niniveh-Ebene darum, den Vertriebenen die Wiederkehr in ihre Heimat zu ermöglichen. Andernfalls bestehe „die akute Gefahr, dass die noch etwa 250 000 im Irak ausharrenden Christen ebenfalls ins Ausland flüchten und das seit 2 000 Jahren im Irak bestehende Christentum verschwindet“.

Um das zu verhindern, hätten die syrisch-katholische, die chaldäische und die syrisch-orthodoxe Kirche gemeinsam kürzlich das sogenannte „Nineveh Reconstruction Committee“ (NRC) gebildet. „Das Komitee, dessen Arbeitsebene aus Ingenieuren und zwei Priestern besteht, hat die Aufgaben, den Status quo der Zerstörung zu erfassen, um Unterstützung für den Wiederaufbau zu werben und die Verwendung der Mittel sowie den Wiederaufbau der Dörfer zu organisieren“, erklärt Ozores.

Bislang seien von dem NRC 12 970 Privathäuser untersucht und bewertet worden. Das Ergebnis: 8 217 Häuser sind teilweise zerstört, 3 520 haben „nur“ Feuerschäden, 1 233 sind vollständig zerstört. Die Erneuerung aller Häuser wurde auf etwa 250 Millionen US-Dollar geschätzt, im Schnitt macht das etwa 19 000 US-Dollar pro Haus. „Allerdings reichen für einen großen Anteil der Häuser, die nur leichte Schäden davongetragen haben, bereits 2 000 Euro, um es wieder bewohnbar zu machen und einer Familie die Wiederkehr zu ermöglichen“, so Ozores.

Darüber hinaus gelte es, die Lebensmittelversorgung und Wohnungen für etwa 100 000 christliche Flüchtlinge in Erbil, der nahegelegenen Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan, zu finanzieren. „Ohne diese Hilfe können diese Flüchtlinge nicht überleben und müssten auswandern. Diese Hilfe kann drastisch reduziert werden, sobald die Menschen in ihre Dörfer zurückgekehrt sind“, sagte Ozores der „Tagespost“.

Des weiteren gehe es um die Wiederherstellung der „kirchlichen Infrastruktur“, wozu neben dem Wiederaufbau von Kirchen auch der von Schulen, Gemeindezentren und anderen Einrichtungen zähle. Die Kosten dafür würden derzeit noch berechnet: „Insgesamt geht es um 363 Gebäude, von denen ,nur‘ 34 vollständig zerstört sind“, so Ozores.

Schließlich gehe es um die Erneuerung beschädigter öffentlicher Infrastruktur (öffentliche Gebäude, Straßen, Wasser- und Elektrizitätsversorgung, Gesundheitszentren und anderes mehr): „Hier wurden 140 Gebäude untersucht, lediglich 16 davon sind vollständig zerstört“, so Ozores. Auch hier müssten die genauen Kosten erst noch berechnet werden.

Wie Ozores der „Tagespost“ sagte, rufe „Kirche in Not“ weltweit zur Unterstützung des NRC auf „auch bei Regierungen, internationalen Organen und Hilfsorganisationen“ und sammele selbst an seinen 23 Standorten für den Aufbau der Privathäuser und der kirchlichen Gebäude. „Neben der Nothilfe für die Flüchtlinge“ habe die Päpstliche Stiftung „bisher die Renovierung der ersten 100 hundert Häuser in drei Dörfern alleine finanziert.“ Ozores: „Hierbei wurde allen betroffenen Familien feierlich jeweils ein Olivenbaum als Zeichen der Wiederverwurzelung, der Hoffnung und der Versöhnung geschenkt.“

Unterdessen hat das Ringen um die politische Zukunft der Ninive-Ebene zu Spannungen zwischen den christlichen Bischöfen geführt. Mitte Mai hatten der syrisch-katholische Erzbischof von Mosul, Youhanna Boutros Mouche, der syrisch-orthodoxe Erzbischof der Tigris-Metropole, Mar Nikodemos Daud Sharaf, und der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Mar Matta, Mar Timotheos Moussa Shamani, in einer gemeinsamen Erklärung eine Schutzzone für Christen in der Ninive-Ebene unter Schirmherrschaft der internationalen Staatengemeinschaft gefordert. Das chaldäische Patriarchat hat sich daraufhin von dieser Position distanziert, wie die katholische Nachrichtenagentur „Fides“ meldet. In einer von Bischof Shleimon Warduni unterzeichneten Erklärung wurde an die vor rund einer Woche veröffentlichte Stellungnahme von Mar Louis Raphael Sako erinnert, in der der chaldäische Patriarch die Christen aufgefordert hatte, „weise Entscheidungen“ zu treffen und keine Forderungen zu stellen, die nicht verwirklicht werden können. Die von den drei Bischöfen wieder ins Spiel gebrachte „Schutzzone für Christen“ in der Ninive-Ebene greift die Idee einer weitgehend autonomen Provinz für die Christen auf. Diese Idee wird vor allem in der Emigration seit vielen Jahren diskutiert. Andere christliche Verantwortungsträger sind dagegen, weil ein solcher halb unabhängiger Kleinstaat sich nicht verteidigen könne und darüber hinaus die Gefahr einer „Ghettoisierung“ der Christen bestehe.