In die Jugend investieren

Europäische und afrikanische Bischöfe begrüßen Ziele des EU-Afrika-Gipfels. Von Carl-Heinz Pierk

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Kardinal Gabriel Mbilingi hat die gemeinsame Erklärung mit unterzeichnet. Foto: KNA
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Kardinal Gabriel Mbilingi hat die gemeinsame Erklärung mit unterzeichnet. Foto: KNA

Lange Zeit war Afrika aus europäischer Sicht der vergessene Kontinent. Der Ansturm der Flüchtlinge hat das verändert. Wie nah Afrika für die Europäer ist, illustrierte der internationale Paneuropa-Vizepräsident Dirk H. Voß bei einer Tagung der Paneuropa-Union mit einem simplen Beispiel: Wie viele Staatsgrenzen trennen Timbuktu vom Mittelmeer? Die Antwort: „Nur eine! Timbuktu, das Synonym für ,ganz weit weg‘, ist plötzlich ganz nah.“ Grund genug für Europa, eine echte Partnerschaft mit Afrika zu begründen, wie Bernd Posselt meinte, Präsident der Paneuropa-Union. Europa dürfe sich nicht abschotten, Europa müsse auf der Grundlage seiner christlichen Kultur die Zusammenarbeit mit anderen Kulturen, Religionen und Kontinenten anstreben und pflegen.

So fern und doch so nah: Europa ist der engste Nachbar Afrikas und sein wichtigster Partner, was ausländische Investitionen, Handel, Sicherheit, Entwicklung und humanitäre Hilfe betrifft. Was in Afrika geschieht, ist auch für Europa von Bedeutung und umgekehrt. Europäische und afrikanische Bischöfe haben daher an die Verantwortlichen appelliert, künftig noch enger zusammenzuarbeiten. Dann könnten afrikanische und europäische Länder ihre Ziele auch besser in globalen Organisationen wie den Vereinten Nationen erreichen. Vor allem müsse der Einsatz für die Menschenwürde verstärkt werden. Dies gelte insbesondere mit Blick auf die Flüchtlinge. So heißt es in einer in Brüssel veröffentlichten Erklärung der EU-Bischofskommission COMECE und des Symposiums der afrikanischen Bischofskonferenzen SECAM im Blick auf den 5. EU-Afrika-Gipfel, der vom 28. bis 29. November in Abidjan stattfindet, der Hauptstadt der westafrikanischen Elfenbeinküste (Côte d'Ivoire). Darin begrüßen die Bischöfe, dass die Belange von Jugendlichen im Mittelpunkt des Gipfeltreffens von Europäischer Union und Afrikanischer Union stehen sollen. Mit Blick auf die Jugendlichen halten sie fest, die Heranwachsenden in beiden Kontinenten stünden vor ähnlichen Herausforderungen wie beispielsweise den Folgen des Klimawandels. Umso wichtiger sei es, langfristig wirksame Strategien für eine gemeinsame Zukunft zu entwerfen. Die Erklärung wurde von COMECE-Präsident Kardinal Reinhard Marx und SECAM-Präsident Gabriel Mbilingi, Erzbischof von Lubango in Angola, unterzeichnet. Der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx ist seit dem Frühjahr 2013 Präsident der Kommission.

Neben Themen wie Frieden und Sicherheit, Staatsführung einschließlich Demokratie, Menschenrechte, Migration und Mobilität befassen sich die führenden Politiker Europas und Afrikas vor allem mit Investitionen in die Jugend. Dies hat für Afrika und die Europäische Union, die Machtvakuum und Unsicherheit in Berlin zur Unzeit treffen, äußerste Priorität: 60 Prozent der Bevölkerung Afrikas sind jünger als 25 Jahre. So sollen Perspektiven für Afrikas Jugend geschaffen werden – durch Ausbildung, Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung. Gewalt, Flucht und Vertreibung soll vorgebeugt, Ernährung und Gesundheit gesichert und Partnerschaften gefördert werden. Ziel muss nach Ansicht der europäischen und afrikanischen Bischöfe sein, lokale Märkte zu stärken und in eine nachhaltige Landwirtschaft zu investieren, um jungen Menschen eine bessere Perspektive in Afrika geben. In den meisten afrikanischen Ländern ist die Landwirtschaft noch Haupterwerbsquelle. Wirtschaftliche Not, Perspektivlosigkeit, Krieg und Verfolgung – das sind die häufigsten Gründe, warum Menschen ihre Heimat in Afrika verlassen und sich auf den gefährlichen Weg nach Europa machen. Vieles davon wird sich nicht durch europäische Politik ändern lassen, schon gar nicht kurzfristig. Aber es ist auch klar, dass Europa Wege finden muss, zu einer Verbesserung der Lage in den Ursprungsländern beizutragen, wenn es sich nicht abschotten will. Doch auch die Länder Afrikas sind in der Pflicht: Sie müssen den Kampf gegen die Korruption aufnehmen, demokratische Prozesse fördern und staatliche Budgets für Infrastruktur und Armutsbekämpfung verwenden und dort investieren.

Getrübt wird der Blick auf das Treffen von Europäischer und Afrikanischer Union in Abidjan von Günter Nooke, Afrikabeauftragter des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Er zeichnete bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Brüssel ein eher düsteres Bild. So seien die Wirtschaftspartnerschaftsabkommen zwischen den beiden Kontinenten „keine Erfolgsgeschichten“ – weder für Afrika, noch für Europa. Es handle sich bei ihnen weder um Abkommen noch um Partnerschaften. Der Handel zwischen Afrika und der EU sei abgesehen von natürlichen Ressourcen wie Kakao und Kaffeebohnen oder einigen Diamantschneidern in Botswana „nahezu irrelevant“. Die afrikanische Wirtschaft als Ganzes bezeichnete Nooke als „sehr, sehr, sehr schwach“. Darüber hinaus gebe es keine Infrastruktur für Erneuerbare Energie. Trotz aller Kritik: Der Kontinent vereint wie kaum eine andere Region die Gleichzeitigkeit von Tradition und digitaler Moderne. Kenia als Beispiel. Und Afrika ist in Bezug auf Frauen in Führungspositionen fortschrittlicher als Europa: Gut die Hälfte aller afrikanischen Unternehmen werden von Frauen geführt. Hier kann Europa von Afrika lernen. Und es gibt einen Paradigmenwechsel: private Investitionen statt staatlicher Almosen. Entwicklungspolitik war gestern.