In der Feuerprobe

Wie die moralische Krise der Kirche in den USA zum Härtetest des Pontifikats geworden ist. Von Regina Einig

Extraordinary Consistory with Pope Francis
epa04093041 Italian cardinal Angelo Sodano (L), Pope Francis (C) and Laurent Monsengwo Pasinya (R), Archbishop of Kinshasa and de facto primate of the Democratic Republic of Congo, arrive to attend a session of the extraordinary Consistory in Vatican City, 21 February 2014. The E... Foto: Fabio Frustaci (ANSA)

Manchmal braucht es ein Erdbeben für eine Schockwelle, manchmal nur Papier. Seit Samstag hält ein elfseitiger Text die Katholiken in den USA in Atem. Dass ein Kurienerzbischof den Papst öffentlich zum Rücktritt auffordert, ist ein Novum in der Kirchengeschichte. Carlo Maria Vigano erhebt schwere Vorwürfe gegen Franziskus. Dieser habe sexuellen Missbrauch in der Kirche vertuscht und Schweigekartelle gefördert. Als Papst Franziskus auf dem Rückflug vom Weltfamilientag von Dublin nach Rom auf den Paukenschlag des vormaligen Apostolischen Nuntius in den Vereinigten Staaten angesprochen wurde, blockte er spontan ab: Das Dokument spreche für sich. Er werde kein Wort dazu sagen: „Lesen Sie es selber aufmerksam und bilden Sie sich ein eigenes Urteil“, beschied Franziskus einen Journalisten. Da war es jedoch zu spät, um das Feuer noch auszutreten.

Das zuerst von dem Nachrichtenportal „Lifesitenews“ veröffentlichte Memorandum war in Kirchenkreisen bereits eingeschlagen wie eine Bombe. Franziskus habe warnende Hinweise auf das sexuelle Fehlverhalten des emeritierten Erzbischofs von Washington ignoriert, heißt es im Bericht. Mehr noch: Er habe von Benedikt XVI. gegen Theodore McCarrick verhängte Sanktionen wieder aufgehoben und diesen in seinen Beraterstab geholt. McCarrick hatte sich offenbar nie an die Auflagen gehalten. Inzwischen entzog Franziskus ihm den Kardinalstitel. Öffentliche Auftritte sind dem emeritierten Erzbischof von Washington untersagt. Viganos Darstellung zufolge stützte sich der wegen homosexueller Umtriebe und Missbrauch Minderjähriger in die Schlagzeilen geratene McCarrick in höchsten Kurienkreisen auf ein homosexuelles Netzwerk. Auch Schmiergelder sollen geflossen sein. Zudem habe er im amerikanischen Episkopat auf Stillschweigen zählen können. Rückendeckung erhält Vigano durch einen ehemaligen Mitarbeiter. Monsignore Jean-François Lantheaume, vormals erster Nuntiaturrat in Washington, bestätigte der Nachrichtenagentur CNA, sein früherer Vorgesetzter habe „die Wahrheit“ gesagt. Demgegenüber erklärte das Erzbistum Washington, Kardinal Donald Wuerl sei nie über Sanktionen des emeritierten Papstes gegen McCarrick informiert worden. Im Memorandum liest sich das anders.

Mit seltener Erbitterung scheiden sich nun die Geister der amerikanischen Katholiken. Papstverteidiger und -kritiker stehen sich gegenüber. In seinem Motu proprio „Come une madre amorevole“ hatte Papst Franziskus 2016 noch unterstrichen, dass grundsätzlich jeder aus einem Kirchenamt entlassen werden kann. Wer sich im Zusammenhang mit dem Missbrauch Minderjähriger schwer gegen die Aufsichtspflicht verfehlt, muss damit rechnen, dass die zuständige Kongregation ihn aus dem Amt entfernt. Mehrere Bischöfe fordern nun umfassende Aufklärung – auch im eigenen Interesse und mit Blick auf unbescholtene Priester. Eine Apostolische Visitation der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten wäre aus Sicht des Vorsitzenden der US-Bischofskonferenz der angemessene Weg zur Wahrheitsfindung. Kardinal Daniel DiNardo wiederholte am Montag seine schon zuvor geäußerte Bitte an den Vatikan und sprach sich für eine „rasche und umfassende Aufarbeitung“ aus. Offene Kritik an Vigano übte Kardinal Joseph Tobin von Newark, der im Dossier des vormaligen Nuntius schlecht wegkommt. Man wolle Papst Franziskus ins Zwielicht rücken, erklärte er CNA zufolge. Kardinal Raymond Burke, der einst das Erzbistum St. Louis (Missouri) leitete und später als Präfekt der Apostolischen Signatur in der Kurie wirkte, legte den Verantwortlichen in der Kirche nahe, sich Viganos Äußerungen zu Herzen zu nehmen und die Vorwürfe zu untersuchen. Von der Redlichkeit Viganos überzeugt zeigte sich zudem der Publizist George Weigel. Am weitesten ging Bischof Joseph E. Strickland von Tyler (Texas): Er erklärte Viganos Memorandum in einem Hirtenbrief nicht nur für glaubwürdig, sondern wies seine Priester an, es zu posten und in den Sonntagsmessen darauf hinzuweisen. Dass Vigano schon im Vorfeld seines Coups auf mediale Unterstützung zählen konnte, offenbarte Timothy Busch, Vorstandsmitglied des TV-Senders EWTN. „Vigano hat uns einen großen Dienst erwiesen“, erklärte der Rechtsanwalt gegenüber der New York Times (Montag). Er halte die Vorwürfe für glaubwürdig. Buschs Darstellung zufolge soll auch der emeritierte Papst Benedikt den Bericht Viganos bestätigt haben. Fake-News, wie Erzbischof Georg Gänswein dieser Zeitung am Dienstag mitteilte: „Papst Benedikt hat sich zum ,Memorandum‘ von Erzbischof Vigano nicht geäußert und wird es auch nicht tun. Die Behauptung, der emeritierte Papst habe die Aussagen bestätigt, entbehrt jeglicher Grundlage.“

Indes dürfte außer Frage stehen, dass Viganos Vorstoß mit den Diskretionspflichten eines Kurienmitarbeiters unvereinbar ist. Er beruft sich zwar auf sein Gewissen und fordert ein Ende der Schweigespirale, „mit der Bischöfe und Priester sich auf Kosten der Gläubigen schützen“ sowie Bekehrung und Buße. Doch brachte ihm dies prompt eine Retourkutsche ein, Vigano selbst sitze im Glashaus, weil er im April 2014 den früheren Weihbischof Lee Piche von St. Paul und Minneapolis aufgefordert haben soll, Akten für eine Untersuchung gegen seinen Erzbischof John Nienstedt zu vernichten, werfen ihm Kritiker vor. Beide traten 2015 zurück, die New York Times berichtete ausführlich über den Fall. Am Montag wies Vigano diese Vorwürfe zurück.

Massimo Faggioli von der Universität Villanova in Philadelphia sieht den Konflikt um Papst Franziskus als Ausdruck eines innerkirchlichen Kulturkampfs zwischen Liberalen und Konservativen. Vigano wirft er blanken Zynismus vor: Dieser sei nicht Kardinal geworden und instrumentalisiere nun den Fall McCarrick, um eine persönliche Rechnung mit dem Vatikan zu begleichen. In einem Interview des Magazins „Slate“ charakterisiert er Vigano als frustierten Kirchenmann, dessen Hoffnungen auf eine Karriere im Vatikan scheiterten und der unfreiwillig ins Ausland ging. „Die Kirche in Amerika interessiert ihn nicht“, meint Faggioli.

Es ist nicht das erste Mal, dass Erzbischof Vigano durch einen medialen Alleingang von sich reden macht. Der vormalige Apostolische Nuntius in Washington (2011–16) zählt seit Jahren zu den Unruhestiftern in der Kurie. Schon vor seiner Versetzung nach Washington suchte der 77-Jährige die Rolle des Aufklärers: Als Vizeverwaltungschef des Vatikans machte er sich in der Amtszeit Benedikts XVI. einen Namen im Vatileaks-Skandal. Ein Brief Viganos an Papst Benedikt erreichte so die Öffentlichkeit. Darin prangerte der Erzbischof Korruption und Vetternwirtschaft in Kirchenkreisen an und empfahl sich zugleich für eine Laufbahn im Vatikan. („Heiliger Vater, meine Versetzung würde viel Orientierungslosigkeit und Entmutigung für die bedeuten, die daran glauben, dass es möglich ist, so viele Fälle von Korruption und Machtmissbrauch in der Verwaltung vieler Abteilungen aufzuklären“.) An seiner Versetzung nach Washington führte jedoch kein Weg vorbei.

In Kurienkreisen weckt die Vorgehensweise Viganos Skepsis. Warum dieser nicht zuerst das Gespräch mit dem Heiligen Vater gesucht hat, lautet die unbeantwortet im Raum stehende Frage. Eine Rücktrittsforderung wirbelt zwar kräftig Staub auf, führt aber nicht unbedingt zum Ziel. Ein Papst, der unter massivem öffentlichem Druck und nicht freiwillig zurückträte, würde der Kirche weitere Probleme bescheren. Allein schon deswegen, weil sein Rücktritt ungültig wäre. Laut § 322,2 des Kirchlichen Gesetzbuchs kann der Papst nur dann gültig auf sein Amt verzichten, wenn der Verzicht frei geschieht.

Franziskus erlebt derzeit die Feuerprobe seines Pontifikats. Die Stimmung des Volkes Gottes brachte Kurienerzbischof Georg Gänswein kürzlich im SWR auf den Punkt, als er eine umfassende Aufarbeitung sexueller Missbrauchsfälle forderte: „Wo Schmutz ist, muss geputzt werden.“