In Mexiko ist Journalismus lebensgefährlich

Ins Fadenkreuz gerät, wer Menschenrechtsverletzungen, Korruption oder Verbindungen von Politikern zum organisierten Verbrechen aufdeckt. Von Andreas Knobloch

Gegen den „Staatsterrorismus“ protestiert diese verkleidete Demonstrantin, die Gerechtigkeit für Journalisten fordert. Foto: dpa
Gegen den „Staatsterrorismus“ protestiert diese verkleidete Demonstrantin, die Gerechtigkeit für Journalisten fordert. Foto: dpa

Mehrmals klingelte das Telefon. Doch immer wenn sie abnahm, wurde am anderen Ende der Leitung aufgelegt. Beim vierten Mal dann zeichnete der Anrufbeantworter eine tiefe Männerstimme auf. Die sagte: „Ich werde dich umbringen.“ Das war alles.

„Glücklicherweise wurde die Stimme aufgezeichnet, denn es war mein Beweis gegenüber den Behörden, dass ich mir die Drohungen nicht einbilde“, sagt Marta Duran de Huerta, mexikanische Soziologin und Journalistin, die 15 Jahre lang als Korrespondentin für Radio Nederland arbeitete. In derselben Zeit, zwischen Mai und Juni, erhielten fünf weitere Journalisten ebenfalls Morddrohungen. Drei von ihnen wurden umgebracht.

Mexiko ist heute von den Ländern, die sich nicht im Krieg befinden, das Land mit den meisten Morden an Journalisten weltweit. Das jetzt zu Ende gegangene Jahr 2016 war das gewalttätigste gegen die Presse in Mexiko überhaupt. Im Schnitt wurde alle 30 Tage ein Journalist umgebracht. Laut Nationaler Menschenrechtskommission (CNDH) sind (Stand November 2016) seit der Jahrtausendwende in dem Land 119 Journalisten ermordet worden. Hinzu kommen mehr als 20 „Verschwundene“ seit 2005. Aufgeklärt werden die Verbrechen so gut wie nie. Gefährdet sind kritische Journalisten, die Menschenrechtsverletzungen, Korruption oder Verbindungen von Politikern zum organisierten Verbrechen aufdecken. „Ihnen wird die Arbeit weggenommen, sie verschwinden, sie werden gefoltert oder umgebracht“, sagt Duran. Aber es gebe auch immer wieder Fälle, wo ein Fotograf auf einer Taufe oder Hochzeit ohne es zu ahnen Bilder macht, wie der Bürgermeister den lokalen Drogenboss umarmt. „Dieses Foto kostet dich das Leben.“

Manchmal haben die ermordeten Journalisten aber auch Verbindungen zu den Drogenkartellen, gerade in den nordmexikanischen Bundesstaaten, wo der Drogenkrieg besonders heftig tobt, sagt Tamara Rodríguez. Ihren richtigen Namen will die Radio- und Zeitungsjournalistin aus dem Bundesstaat Tamaulipas nicht in der Zeitung lesen. Seit vier Jahren versteckt sie sich mit ihrer Familie in Mexiko-Stadt, da sie von dem Drogenkartell Los Zetas mit dem Tode bedroht wird. „Die Journalisten werden nicht wegen ihrer journalistischen Arbeit umgebracht, sondern weil sie in Verratsverdacht geraten oder in Drogengeschäfte verwickelt sind.“ Rodríguez fordert, die Arbeitsbedingungen von Journalisten in Mexiko in den Blick zu nehmen.

Tote Journalisten sind ein Signal, besser ruhig zu sein

„Im Durchschnitt verdient ein Journalist im Bundesstaat Tamaulipas 5 000 Pesos (also rund 250 US-Dollar) pro Monat“, rechnet sie vor. Es werde weggeschaut, wenn Journalisten Gelder anderswo einstrichen; Bestechungsgelder, Geld für Informationen etwa. „Die Journalisten folgen letzten Endes dem, der am meisten zahlt.“

Ein heikles Thema, das weiß auch Rodríguez, und auch nur ein Teil der Wahrheit. Denn laut Statistiken der unabhängigen Menschenrechtsorganisation Articulo 19, die sich vor allem für Pressefreiheit einsetzt, gehen sieben von zehn Aggressionen gegen Journalisten von staatlichen Akteuren aus. „Einige Journalisten wissen sehr genau, wer die Autoren der Drohungen oder der Anschläge sind und warum sie bedroht werden – andere nicht“, sagt Duran. „Ich zum Beispiel habe eine Todesdrohung erhalten und weiß nicht, warum und von wem.“

Wie aber funktionieren die Drohungen? „Wenn du ein Journalist einer Lokalzeitung bist, werden sie dich foltern und qualvoll umbringen“, sagt Duran. Bei bekannteren Journalisten seien die Methoden andere. „Zunächst werden sie versuchen, dich zu kaufen: Sie werden dir viel Geld bieten oder einen Posten, wo du viel Geld verdienst und viele Privilegien hast. Wenn du nicht akzeptierst, steigern sie die Intensität der Anfeindungen.“ Es folgten Klagen, die Zeit, Geld und Nerven kosteten. Zudem werde Druck auf den Besitzer der Zeitung gemacht, unliebsame Journalisten zu entlassen. „Danach beginnen die Drohungen. Und wenn du trotz der Drohungen weiterschreibst, kommen die Anschläge oder Entführungen. Der nächste Schritt: sie töten dich.“ Manchmal aber reiche schon der einfache Umstand, dass ein Politiker oder lokaler Drogenboss sich belästigt fühlt, um umgebracht zu werden. „Und es passiert nichts“, sagt Duran. „Das ist der Schlüssel für so viele ermordete Journalisten: die Straflosigkeit.“

Dass die Gewalt gegen Journalisten eine Form der sozialen Kontrolle ist, darin stimmen Duran und Rodríguez überein. Eine sehr billige Form, so Duran. „Es ist sehr bequem. Du bringst einen Journalisten um, der dir lästig ist, und darüber hinaus paralysierst du durch Angst viele seiner Kollegen und Freunde.“ Der Regierung fehle der politische Wille, glaubt Rodríguez. „Denn bis zu einem gewissen Punkt nützt es der Regierung, dass es tote Journalisten gibt, denn es sendet ein Signal an die Gesellschaft, besser ruhig zu sein.“

Als Rodríguez vor vier Jahren nach Mexiko-Stadt gekommen ist, gab es zwei Instanzen zum Schutz von Journalisten, sagt sie, die CNDH und eine spezielle Kommission der Staatsanwaltschaft. Beide jedoch hatten einen schlechten Leumund. Vor drei, vier Jahren wurde dann auf Initiative von Menschenrechtsgruppen und Journalistenorganisationen ein Schutzmechanismus geschaffen, an dem Organisationen der Zivilgesellschaft, das Innenministerium und die Polizei beteiligt sind. „Sie haben ein mehrere Millionen US-Dollar schweres Budget und verfügen über Personal“, sagt Duran. „Aber die Morde gehen einfach nicht zurück. Im Gegenteil. Man fragt sich also: Was ist da los?“

Sie selbst hat einen sogenannten Panikknopf erhalten. Der sieht aus wie ein kleines Mobiltelefon mit GPS. „Wenn du in Gefahr bist, drückst du ihn, und die Polizeistreife, die sich in der Nähe befindet, kommt“, erzählt Duran. Soweit die Theorie. „Nun bist du aber beispielsweise gerade im Bundesstaat Guerrero, wo es die Polizei ist, die dich foltert oder dich verschwinden lässt, drückst du da den Panikknopf, wenn du Gefahr spürst?“ Sie glaubt, dass der Mechanismus vor allem dazu dient, die öffentliche Meinung zu beruhigen.

„Der Mechanismus hat die Aggressionen nicht gestoppt“, sagt Duran. „Die Straflosigkeit muss endlich aufhören! Es müssen ernsthafte Ermittlungen angestellt werden und jede Drohung oder Verbrechen gegen Journalisten muss Konsequenzen haben, sonst wird es nicht möglich sein, die Gewaltspirale zu stoppen.“

Die Ermittlungen der Polizei in ihrem Fall ergaben übrigens: Es war ein Kind, das mit dem Telefon gespielt hat. Der Fall wurde geschlossen. Und der Panikknopf wurde Duran auch wieder abgenommen.