In Europa, und doch am Abgrund

Bosnien: Die Muslime wählten den Führungswechsel, die Serben stärkten Dodik Von Stephan Baier

Die „Stari Most“, die im 16. Jahrhundert von einem osmanischen Architekten errichtete „Alte Brücke“ über die Neretva in Mostar, wurde zum traurigen Symbol des Kriegs in Bosnien-Herzegowina. Anders als in Slowenien und Kroatien, wo Slobodan Milosevic den Zerfall Jugoslawiens mit Panzern zu verhindern suchte, tobte hier tatsächlich ein Bürgerkrieg, in dem die Serben für die Zerstörung des Landes und ihren Anschluss an Serbien kämpften, sich aber auch die katholischen Kroaten und die muslimischen Bosniaken bekämpften. Am 9. November 1993 wurde das Wahrzeichen von Mostar, die „Stari Most“, bei Feuergefechten zwischen kroatischen und muslimischen Einheiten zerstört.

Am Wiederaufbau der zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden Brücke beteiligten sich die Europäische Union ebenso wie die Türkei: Ihre 2004 abgeschlossene Wiedererrichtung sollte den Aufbau des neuen Bosnien-Herzegowina symbolisieren. Die „Stari Most“ sollte Zeichen eines Brückenschlags in eine bessere, friedvollere und europäische Zukunft des Landes sein. Am 3. September präsentierte der bosnische Muslim Haris Silajdzic als Vorsitzender des dreiköpfigen Staatspräsidiums dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül stolz die Altstadt von Mostar. Einen Monat später, am vergangenen Sonntag, haben die Bürger Silajdzic klar abgewählt. Der Wahlkampf, die Wahlen und die Misstöne rundherum jedoch zeigen, dass Bosnien-Herzegowina auch 15 Jahre nach dem Friedensvertrag von Dayton noch nicht zu Ruhe und innerer Stabilität gefunden hat.

Unzufrieden sind die knapp vier Millionen Einwohner mit ihren Politikern mit vollem Recht: Die Wirtschaft weist ein Wachstum von minus 3,4 Prozent auf, die Arbeitslosenrate liegt bei 40 Prozent, bei den unter 25jährigen sogar über 50 Prozent. Die Auslandsschulden des Staates sind mit 6,5 Milliarden Euro ebenso horrend wie die Korruption, die laut „Transparency International“ den Spitzenplatz unter den südosteuropäischen Ländern einnimmt. Einen weiteren traurigen Rekord kann Bosnien-Herzegowina beanspruchen: Ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts verschlingt allein der Staatsapparat. Nirgendwo gibt es so viele Politiker pro Einwohner wie hier. Und so wurden am Sonntag 13 Parlamente und vier Präsidenten neu gewählt: für den schwachen Gesamtstaat, für die beiden „Entitäten“ – die „Republika Srpska“ und die bosnisch-kroatische Föderation – sowie für die Kantone der Föderation.

Trotz und wegen dieser Fülle an Institutionen, Politikern und Ämtern kann sich das multiethnische und multireligiöse Land noch immer nicht selbst regieren. Eine formal starke Macht hat der „Hohe Repräsentant“, derzeit der Österreicher Valentin Inzko, der Gesetze aufheben und erlassen, Politiker entlassen und Parteien verbieten kann. Das Friedensabkommen von Dayton hat 1995 diese sonderbare, komplizierte Struktur geschaffen, mit der heute alle aus unterschiedlichen Gründen unzufrieden sind: Jeder „High Rep“ trachtete, sein Amt überflüssig zu machen und Bosnien-Herzegowina in die Selbstständigkeit zu entlassen, doch jeder scheiterte an den Zentrifugalkräften der politischen Klasse.

Milorad Dodik, bisher Regierungschef der „Republika Srpska“, droht permanent mit einem Anschluss seines Teilstaats an Serbien, was einem nachträglichen Sieg von Milosevic, Karadzic und Mladic gleichkäme. Die mit einem Bevölkerungsanteil von 14 Prozent kleinste Volksgruppe des Landes, die katholischen Kroaten, fühlen sich von allen im Stich gelassen: vom Westen, dem sie sich zugehörig fühlen, wie von der Republik Kroatien, die nach Präsident Tudjmans Tod dem westlichen Diktat Folge leistete, sich nicht in die Angelegenheiten des Nachbarlandes einzumischen.

Die bosnischen Muslime, die knapp die Hälfte der Einwohner stellen, sind seit Jahren im Wandel. Nachdem Staatsgründer Alija Izetbegovic im Krieg vom Westen im Stich gelassen wurde, nahm er die lebenswichtige Hilfe aus der muslimischen Welt an. So aber kam nicht nur der türkische Einfluss nach Bosnien zurück. Ein neuer, historisch unbegründeter Einfluss des Iran und Saudi-Arabiens machte sich breit. Saudisches Geld ließ überall in Bosnien plötzlich weiße Moscheen aus dem Boden wachsen und Musliminnen zum Schleier greifen. Izetbegovic selbst kehrte während des Kriegs den frommen Muslim heraus. Sein Sohn, der 53jährige Bakir Izetbegovic, errang am Sonntag 35 Prozent der Stimmen und löst damit Haris Silajdzic als muslimischer Vertreter im Staatspräsidium ab.

Von Symbolkraft ist auch, dass in der „Republika Srpska“ Regierungschef Dodik mit 53 Prozent zum Präsidenten gewählt wurde, zugleich aber gut zehn Prozent der Stimmen als ungültig registriert wurden. Die Menschen werden zwar zu den Urnen gerufen, doch haben sie keine echte Wahl.