Jerusalem

Im Namen der Identität

Wenn Archäologen in Jerusalem Ausgrabungen machen, geht es auch immer um Politik. Von Till Magnus Steiner

Davidsstadt in Jerusalem
Die Davidsstadt in Jerusalem: ein Ausgrabungsfeld. Für viele Israelis sind die Funde so wichtig für ihre Identität wie die Freiheitsstatue für Amerikaner. Foto: dpa

Kurz nachdem in Bahrain über die wirtschaftlichen Aspekte des US-amerikanischen Friedensplans für den Nahen Osten diskutiert worden war, stand der US-amerikanische Botschafter in Israel, David M. Friedman, in einem Tunnel unter der mehrheitlich palästinensischen Ost-Jerusalemer Nachbarschaft Silwan und durchbrach mit einem kräftigen Schwung eine Mauer. Neben ihm stand dabei unter anderem der US-Sonderbeauftragte für den Nahen Osten, Jason Greenblatt sowie der israelische Bildungsminister der nationalreligiösen Siedlerpartei HaBayit HaYehudi und Sara Netanyahu, die Frau des israelischen Premierministers. Die zu diesem Zweck aufgebaute Mauer diente als Symbol für die Eröffnung des sogenannten „Pilgerwegs“, den die Davidsstadt-Stiftung, genannt Elad, zusammen mit der israelischen Altertümerbehörde in den vergangenen Jahren ausgegraben haben.

Die politisch umstrittenste archäologische Ausgrabung in Jerusalem

Vor 152 Jahren lokalisierte der britische Archäologe Charles Warren das Jerusalem der Zeit Davids südlich vom Tempelberg und dieser Ort ist heute die politisch umstrittenste archäologische Ausgrabung in Jerusalem. Die Davidsstadt liegt in dem Teil der israelischen Hauptstadt, der von der internationalen Gemeinschaft nicht als Staatsgebiet Israels anerkannt wird und den die arabisch-palästinensische Bevölkerung als ihre zukünftige Hauptstadt beansprucht. Unter den Straßen und Häusern der 20 000 palästinensischen Einwohner der Nachbarschaft Silwan, in die in den letzten Jahren zunehmend israelische Siedler ziehen, verkündete der Vizepräsident von Elad Doron Spielman, nachdem die Mauer durchbrochen war. „Dieser Ort ist das Herz des jüdischen Volkes und gleicht dem Blut, das durch unsere Venen fließt.“

Als im Jahr 2004 mitten in Silwan ein Abwasserrohr tief in der Erde platzte, wurden von der Jerusalemer Stadtverwaltung, wie es üblich ist, nicht nur Bauarbeiter, sondern auch ein Team von Archäologen geschickt. Bei den Reparaturen tief in der Erde wurde ein Abschnitt einer langen und breiten Treppe entdeckt, deren Stufen vergleichbar mit denen sind, die zu südlichen Eingängen des Tempelbergs, den heute verschlossenen Hulda-Toren, führen.

Belege für jüdische Siedlungen

Durch Ausgrabungen in den folgenden Jahren wurde sichtbar, dass dieser Aufstieg bis zur südwestlichen Ecke des Tempelbergs führt und wahrscheinlich in den Jahren 30–31 n. Chr. gebaut wurde, als Pontius Pilatus als römischer Statthalter in Jerusalem residierte. 10 000 Tonnen quadratischer Steine wurden dafür verbaut. Und unter dem Aufstieg wurde eine komplexes Entwässerungssystem gebaut, dass den jüdischen Rebellen in ihrem Aufstand gegen die römische Besatzung im Jahren 70 n. Chr. als Versteck diente. Die ausgrabenden Archäologen sind davon überzeugt, dass dies der Weg ist, den Millionen von Juden dreimal jährlich beschritten, um für die Wallfahrtsfeste Pessach, Shavuot und Sukkot zum Tempel hinaufzuziehen, bis dieser zerstört wurde. Gegenüber der israelischen Zeitung The Jerusalem Post erklärte Zeev Orenstein, der für die Davidstadt-Stiftung verantwortlich für internationale Angelegenheiten ist, dass der in wenigen Monaten für die Öffentlichkeit zugängliche „Pilgerweg“ die lange historische jüdische Verbindung zu Jerusalem belegt, „nicht nur dort, wo heute Juden leben, sondern überall in der Stadt, selbst unter den Häusern und den Straßen arabischer Nachbarschaften wie Silwan“.

Und als David M. Friedman, Sohn eines Rabbiners und ehemaliger Präsident des die Siedlerbewegung unterstützenden Vereins American Friends of Bet El Yeshiva, gefragt wurde, ob es vorstellbar sei, dass in einem zukünftigen Friedensvertrag die ausgegrabene Davidsstadt in der Nachbarschaft Silwan an die Palästinenser übergeben werde, antwortete er: „Ich glaube nicht, dass Israel jemals einen solchen Gedanken in Betracht ziehen würde. Die Davidsstadt ist ein wesentlicher Bestandteil des nationalen Erbes Israels. Es wäre so, als würde Amerika die Freiheitsstatue zurückgeben.“

Gegen die Ausgrabungen in Silwan und das Ziel der Davidsstadt-Stiftung, „das Vermächtnis von König David fortzusetzen und die Menschen mit der glorreichen Vergangenheit des alten Jerusalems zu verbinden“, engagiert sich die israelische NGO Emek Shaveh. In einer Pressemitteilung teilte sie mit: „Es ist unentschuldbar, die palästinensischen Bewohner von Silwan zu ignorieren, umfangreiche Ausgrabungen einer unterirdischen Stadt durchzuführen und solche Ausgrabungen als Teil einer Bemühung zu nutzen, eine historische Geschichte zu erzählen, die ausschließlich jüdisch ist, in einer 4 000 Jahre alten Stadt mit einer reichen und vielfältigen kulturellen und religiösen Vergangenheit.“

Wahrheit und Wissenschaft statt Mythen und Täuschung

Als David M. Friedman zur Eröffnung des „Pilgerwegs“ die Mauer eingeschlagen hatte, sagte er: „Die Davidsstadt bringt Wahrheit und Wissenschaft in eine Debatte, die zu lange von Mythen und Täuschungen geprägt war. Die Ergebnisse, in den meisten Fällen von säkularen Archäologen, beenden die grundlosen Bemühungen, die historische Tatsache der alten Verbindung Jerusalems zum jüdischen Volk zu leugnen.“ Aber in Israel und im Besonderen in Jerusalem ist Archäologie keine einfache Wissenschaft, denn die Deutung ihrer Funde wandelt sich schnell zu politischen Argumenten. Die Realität der Stadt geht dabei oft verloren, zwischen dem politischen Anspruch auf Jerusalem als ungeteilter Hauptstadt Israels, weil schon zu Zeiten David Juden und Jüdinnen dort lebten und dem Vorwurf der Palästinenser, dass die Archäologie nur der „Judaisierung“ der aus ihrer Sicht zukünftigen Hauptstadt Palästinas diene. Die Realität wird dann sichtbar, wenn man die Risse in den Wänden der Häuser in Silwan sieht, unter denen die Ausgrabungen stattfinden.

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