Im Land der Religionen

70 Jahre nach der Unabhängigkeit Indiens stehen die Kirchen vor großen Herausforderungen – Hinduisierung und Bekehrungsvorwürfe erschweren die Verkündigung der befreienden Botschaft des Evangeliums. Von Benedikt Winkler

Bengal Assembly election
Der Hindu-Nationalismus ist auf dem Vormarsch: Ein Aktionist der nationalistischen Bharatiya Janata Partei (BJP) vor einem Wahlplakat, das für Indiens Premierminister Narendra Modi und seine Politik wirbt. Foto: dpa
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Der Hindu-Nationalismus ist auf dem Vormarsch: Ein Aktionist der nationalistischen Bharatiya Janata Partei (BJP) vor ein... Foto: dpa

Die größte Demokratie der Welt feiert in diesem Monat den 70. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. Gandhi selbst zeigte der Welt, dass mit Liebe und Gewaltlosigkeit große politische und soziale Veränderungen möglich sind. Heute wird das friedensstiftende Potenzial der Religion von der Politik missbraucht, das zeigen der aufflammende Hindu-Nationalismus und die schwelenden Konflikte um die Kaschmir-Region. Ist Gandhis Vision eines säkularen, friedlichen Vielvölkerstaates gescheitert? Welchen Beitrag leistet die Kirche in Indien im Kampf um Gleichberechtigung, Religionsfreiheit und Wahrung der Menschenrechte? Ist Indien ein säkularer Staat?

Ist Indien heute ein säkularer Staat?

Indien ist ein Land ethnischer, religiöser und kultureller Vielfalt. Trotz des enormen Bevölkerungswachstums – Indien wird China als bevölkerungsreichstes Land der Erde ablösen –, der Armut und der Wirren des Bürgerkriegs ist es gelungen, den inneren Frieden im Land grundsätzlich zu erhalten. Das von den Gründervätern Mahatma Gandhi und Jawarharlal Nehru in die Verfassung eingebrachte säkulare Prinzip hat die grundsätzliche Neutralität der Regierung gegenüber allen Religionen gesichert. In der am 26. Januar 1950 in Kraft getretenen Verfassung heißt es im Artikel 25: „Unter Berücksichtigung der öffentlichen Ordnung, Moral und Gesundheit und anderer Verordnungen haben alle Personen gleichermaßen Anspruch auf die Freiheit des Gewissens und das Recht, ihre Religion frei zu bekennen und zu propagieren.“ Weitere Verfassungsartikel halten fest, dass den verschiedenen religiösen Minderheiten besonderer Schutz gewährt wird.

Leider ist auf politischer Ebene innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte ein Wiedererstarken hindu-nationalistischer Kräfte zu beobachten, die das Prinzip des säkularen Staates, die Religionsfreiheit und die Menschenrechte gefährden. Religionsfreiheit heißt in hindu-nationalistischen Kreisen weniger die verfassungsmäßige Idee eines säkularen Staates, der die individuelle Wahlfreiheit der Religion schützt, als vielmehr der Schutz der hinduistischen Bevölkerung vor missionarischen Fremdeinflüssen durch Repräsentanten anderer Religionen. Denn Indien soll ein „Land der Hindus“ werden. Angehörigen anderer religiösen Minderheiten wie Muslimen oder Christen wird der Vorwurf gemacht, nicht „echte“ indische Staatsbürger zu sein. Ziel dieser radikalen Hindu-Politik ist, dass den „einheimischen“ Hindus, insbesondere einer brahmanischen Elite, eine Vorherrschaft auf dem Subkontinent zugestanden werden soll. Die Anhänger der sogenannten Hindutva-Ideologie beschwören das spirituelle-vedische Erbe Indiens glorreich herauf und stellen es häufig dem westlichen „ausländischen, aggressiv missionierenden und daher bedrohlichen Christentum“ gegenüber.

Doch was steckt hinter der „Hindutva-Ideologie“ der Hindu-Nationalisten, die 1998 eine demokratische Mehrheit für sich gewinnen konnten? Zeigt sich hier womöglich der Versuch, einen Minderwertigkeitskomplex durch die europäischen Kolonialherrscher zu verarbeiten, wie der Heidelberger Indologe Axel Michaels vermutet? Oder drückt sich gar die Befürchtung aus, dass das Christentum (beziehungsweise der Islam) die durch das Gesetz des Dharma legitimierte Ordnung und die bestehenden Machtverhältnisse des Kastensystems auf den Kopf stellt? Oder versucht eine konservative Hindu-Elite den Verlust der religiösen Identität vor den Einflüssen des Westens zu schützen?

Die Hintergründe der Hindutva-Bewegung

In der Vergangenheit hat sich der Hinduismus dadurch ausgezeichnet, dass er anderen Religionen gegenüber sehr tolerant war, schließlich ist er selbst ein Sammelname für verschiedene religiöse und weltanschauliche Systeme. Missionierung gibt es im Hinduismus nicht, stattdessen werden andere Gottheiten und religiöse Traditionen ins hinduistische Pantheon aufgenommen und integriert. So findet Jesus Christus im Hinduismus neben „anderen Söhnen und Töchtern Gottes“ als Religionsstifter des Christentums und bedeutender Guru („Lehrer“) große Verehrung. Nach hinduistischer Überzeugung wird jeder Mensch in eine Kaste hineingeboren, welche Einfluss hat auf die soziale Stellung, die Wahl des Berufs und des Ehepartners. „Hindu ist nicht jemand, der an bestimmte Lehren glaubt, sondern jemand, der einer von den Hindus anerkannten Kaste angehört“, schreibt der Religionswissenschaftler Helmut von Glasenapp. Aufgrund des Vorrangs der Kastenzugehörigkeit vor einer spezifischen Glaubensüberzeugung liegt dem Hinduismus – im Gegensatz zum Christentum oder dem Islam – jede Form von Mission fern.

Für die Christen im südwestlichen Bundesstaat Kerala steht fest, dass der Apostel Thomas im Jahr 52 nach Indien kam, um dort den christlichen Glauben zu bringen. Er taufte, gründete Gemeinden und starb als Märtyrer. Historisch belegt ist, dass sich die „Thomas-Christen“ im 3. Jahrhundert an der Malabarküste Keralas ansiedelten. Auf eine jahrhundertelange Zeit der friedlichen Koexistenz zwischen Hinduismus und Christentum folgte die Epoche der gewaltsamen Eroberungszüge der muslimischen Moghulherrscher (1200–1750) und der Briten (1858–1947). Aufgrund der 750 Jahre währenden Kolonialgeschichte leidet die indigene Bevölkerung des Subkontinents bis heute an einem Minderwertigkeitskomplex, wie der holländische Religionswissenschaftler Prof. Karel Steenbrink und der Heidelberger Indologe Axel Michaels konstatieren. Um die Opferrolle und das erlittene Unrecht zu verarbeiten, wurde der Kampfbegriff „Hindutva“ Anfang des 20. Jahrhunderts in deutlicher Abgrenzung zu den Nicht-Hindus, insbesondere den Muslimen und Christen, geprägt.

Christenverfolgungen und Rückbekehrungen

Das Christentum wird bis heute, 70 Jahre nach dem Rückzug der Briten, noch immer als „Religion der Herrscher“ gesehen. Auf den Thron der Briten haben sich mittlerweile die Hindu-Nationalisten gesetzt, welche den Hinduismus als Vorwand benutzen, um aus alten Ressentiments heraus die breiten ungebildeten Massen zu manipulieren und pseudo-religiöse, vor allem politische Propaganda zu betreiben. „Glücklicherweise durchschauen heutzutage immer mehr Menschen den selbstsüchtigen Plan derer, die Religion als eine Waffe benutzen, um Macht zu gewinnen“, so der Erzbischof von Bhopal Leo Cornelio.

Mehr als 70 Prozent der 30 Millionen Christen in Indien sind „Dalits“, Unberührbare, die keiner Kaste angehören. Das Kastensystem, welches tief im Denken der indischen Gesellschaft verwurzelt ist und durch das Gesetz des Dharma Legitimation findet, überlässt jeden Einzelnen seinem gottgegebenen Schicksal. Dalits und Angehörige von Stammesreligionen, wie den Adivasi, arbeiten als Bauern, Reinigungskräfte und Müllsammler unter sklavenähnlichen Bedingungen. Viele von ihnen, welche die befreiende Botschaft Jesu Christi verstanden haben, konvertieren zum Christentum, weil sie die Repressionen des Kastensystems loswerden wollen. Die Hindu-Nationalisten machen den christlichen Kirchen den Vorwurf, nur durch materielle Anreize neue Anhänger gewinnen zu wollen.

Seit einigen Jahren häufen sich Gewaltakte gegenüber Christen, Missionaren, kirchlichen Institutionen und Einrichtungen. Allein im Bundesstaat Odisha wurden im August 2008 93 Christen ermordet, mehr als 6 500 Häuser niedergerissen und geplündert, 350 Kirchen und 45 Schulen zerstört. Mehr als 50 000 Menschen verloren ihre Heimat. Auslöser war die Ermordung von Swami Saraswati, einem radikalen Hindu-Führer, der sich massiv gegen Bekehrungen von Hindus zum Christentum ausgesprochen hatte. Es folgten Rückbekehrungen von Christen zum Hinduismus unter angedrohter Waffengewalt. Christen sollten unterschreiben, dass sie nur Christen geworden seien, weil Missionare ihnen Geld und andere Privilegien versprochen hätten. Nachdem sie ihren „Irrtum“ eingesehen hätten, sollten sie „freiwillig“ zu ihrer „ursprünglichen Religion“ zurückkehren, ihre Dorfkirchen anzünden und wieder Hindu-Gottheiten huldigen. Bis heute warten die Opfer dieser Gewaltakte auf Entschädigungen, wie die indische Bischofskonferenz im Februar 2017 beklagte. Stattdessen werden die Opfer eingeschüchtert und müssen aufgrund ihrer Kirchenzugehörigkeit Nachteile befürchten, wenn sie ihre Rechte durchsetzen – das betrifft insbesondere die unteren Kasten und die Naturvölker.

Was Mission für die Kirche in Indien heute bedeutet

Das Kastensystem wurde zwar durch die indische Verfassung offiziell abgeschafft, dennoch prägt das Kastendenken die indische Gesellschaft bis heute. „Wir setzen uns für Gerechtigkeit, Gleichheit, Ehrlichkeit und für die Würde aller Menschen in unserer Gesellschaft ein“, so Erzbischof Cornelio. „In einer Gesellschaft, die an Kasten, Klassen und Geschlechterdiskriminierung glaubt, ist das eine Bedrohung, die unterdrückt oder ausgelöscht werden muss. Wir versuchen unser Bestes, die Regierung und das Parlament zu überzeugen, dass sie solch eine ungerechte Behandlung ihrer Bürger anprangern und jeden Menschen respektieren sollten – ganz gleich, welcher Kaste, Klasse oder welchem Glauben er angehört.“

Die Kirche in Indien geht im Kampf um Gleichberechtigung, Armutsbekämpfung und Achtung der Menschenwürde mit einem guten Beispiel voran. Dabei würde es ihr gut stehen, wenn mehr Repräsentanten unterer Kasten zu Bischöfen geweiht würden und Angehörige unterschiedlicher Kasten nebeneinander beerdigt würden, damit auch einem „innerkirchlichen Kastendenken“ ein Ende gesetzt wird.

2017 soll im Rahmen einer umfangreichen UNO-Studie die Menschenrechtssituation in Indien erforscht werden. Das katholische Hilfswerk missio unterstützt dabei den katholischen Priester Ajaya Kumar Singh, in vier betroffenen Gebieten Studien durchzuführen, um herauszufinden, mit welchen Problemen Minderheiten zu kämpfen haben und wie sie unterstützt werden können. Die Ergebnisse sollen auf nationaler und internationaler Ebene ausgewertet werden.

Obwohl die Kirche in Indien sich für die Armen, für Gerechtigkeit und Bildung einsetzt und es seit dem 2. Vatikanischen Konzils ein Umdenken im katholischen Missionsverständnis gab, ist es der interreligiösen Dialogarbeit bislang nicht gelungen, die Menschen an der Basis zu erreichen. Um mit der Evangelisierung in Indien fortzufahren sei eine christlich begründete Wertschätzung des Hinduismus nötig, so der Erzbischof von Vasai Felix Machado. Heute stehen sowohl der Hinduismus als auch das Christentum an einer „Schwelle des Durchbruchs“, davon war der bedeutende interreligiöse Brückenbauer Raimon Panikkar überzeugt. Beide Religionen sind herausgefordert, ihre je eigene Identität nicht nur durch ihre Vergangenheit und in Abgrenzung zu definieren, sondern durch eine gemeinsame, zukunftsweisende und kreative Lebendigkeit des Gestaltens, Denkens und Hoffens.

Viele christliche Theologen aus den „Missionsländern“ Europas und Nordamerikas schauen mit Interesse auf die Kirche in Indien, denn sie kann heute in einer globalisierten, vielgestaltigen Welt eine erfahrene Lehrmeisterin sein, wie der Glaube und die christliche Identität in einem multireligiösen und multikulturellen Umfeld gelebt und bewahrt werden kann.