Hongkong/Peking

Im Fadenkreuz

Am 1. Oktober 1949 übernahmen die Rotgardisten in China die Macht. Die radikale Abkehr von Religion stand auf dem Programm.

Katholiken in China
Dass die Kommunistische Partei Chinas Christen massiv unterdrückt, wird im Westen kaum zur Kenntnis genommen. Im Bild: Gottesdienstbesucher in der katholischen Nantang Kirche in Peking. Foto: Katharina Ebel (KNA)

Der emeritierte Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, sagte es bereits bei seinem Deutschlandbesuch im April vorigen Jahres voraus: Ein Abkommen des Vatikan mit der Regierung der Volksrepublik China wird dazu führen, dass sich Katholiken der Untergrundkirche hin- und hergerissen fühlten zwischen Kapitulation einerseits und dem Eindruck, verraten worden zu sein. Insgesamt werde die Untergrundkirche geschwächt. Zen hatte bereits Anfang 2018 enthüllt, dass zwei legitime Bischöfe ihren Stuhl für bis dato päpstlich noch nicht anerkannte Oberhirten frei machen müssten. So wie es der Kardinal angekündigt hatte, kam es auch nach dem Abschluss des vorläufigen Abkommens vom 22. September 2018 zwischen Rom und Peking über die Bischofsernennungen.

Abkommen: Chinas Katholiken sind gespalten

Die Reaktionen fielen dabei unterschiedlich aus: Viele Katholiken folgen Papst Franziskus auch jetzt nach der Kehrtwende gehorsam, obwohl sie mitansehen müssen, wie manche Untergrundpriester von den Behörden erpresst werden, „offiziell“ zu werden sowie Beamte Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren von Gottesdiensten und Katechesen fernhalten. Unter den Gehorsamen gibt es aber auch Vertreter, die deutlich zeigen, dass ihre persönliche Gewissensentscheidung anders ausfällt, so etwa der 88-jährige Untergrundbischof Zhuang Jianjian von Shantou im Süden Chinas an der Küste. Sein 52-jähriger Nachfolger Huang Bingzhang war sogar vormals exkommuniziert. Zhuang nahm an einer öffentlichen Zeremonie teil, in der er verabschiedet und sein Nachfolger begrüßt wurde. Jedoch nahm er an der anschließenden Eucharistiefeier - mit Bischof Huang als Hauptzelebranten - nicht teil.

In der Diözese Mindong – ebenfalls im Südosten Chinas - hingegen versammelte der weichende Untergrundbischof Guo Xijin seine Priester und bat sie, den offiziell anerkannten Zhan Silu als Nachfolger anzunehmen und diesem in Gehorsam zu folgen. So machte er den Weg frei für die Vereinigung der Untergrundkirche, die vor Ort eigentlich dominiert hatte, mit der staatlich registrierten Diözese von Mindong. Bischof Guo bleibt den Gläubigen als Weihbischof erhalten: Bei der Chrisammesse am Gründonnerstag zelebrierte er in dieser Funktion erstmals mit Bischof Zhan – und 50 Priester der ehemaligen Untergrundkirche konzelebrierten.

Kardinal Zen demonstriert für die Freilassung eines Bischofs

So gar nicht nach Plan verläuft die Geschichte des Untergrund-Koadjutorbischofs Augustinus Cui Tai von Xuanhua in der Provinz Hebei, der immer wieder mal von Beamten abgeführt wird. Er steht andauernd im Fokus des örtlichen Religionsbüros. Mal verschleppen sie ihn an einen unbekannten Ort, halten ihn etwa in einem Hotel fest, ein andermal stellen sie ihn unter Hausarrest. Die Behörden zwingen ihn zudem zu „politischen Schulungen“. Die Gehirnwäsche fruchtet bei ihm anscheinend nicht. Als der Priester Zhang Li aus seinem Bistum zur offiziellen Kirche überwechselte, forderte dieser, alle Priester und Gläubigen sollten ihm folgen. Dabei berief er sich auf Papst Franziskus. Der Bischof entließ Zhang kurz vor Weihnachten 2018 aus dem priesterlichen Dienst. Er begründete diese Strafe mit dem Argument, der Priester habe die Gemeinschaft zwischen Untergrundkirche und staatlich registrierter Kirche vorangetrieben und damit Verwirrung und Spaltung erzeugt.

Seit 29. März ist der Bischof durchgehend verschwunden: Für seine Freilassung kämpft Kardinal Zen mit klassischen Mitteln des Bürgerprotests: So hält er mit seinen 87 Jahren ein Demoplakat, darauf die Forderung nach Freilassung, in die Kamera. Immer wieder erinnert er auch an Bischof Jakob Su Zhimin von Baoding in derselben Provinz, der vor mehr als 20 Jahren verschwand. „Wenn der Vatikan mit der Regierung in Peking verhandelt, kann er nicht über den Bischof sprechen“, berichtete Zen bei seinem Deutschlandbesuch. Das werde sonst als Affront aufgefasst.

"Ich danke dem Herrn, dass zum ersten Mal
nach vielen Jahren alle Bischöfe in China
in voller Gemeinschaft mit [...]
der universalen Kirche stehen"
Papst Franziskus

„Ich danke dem Herrn, dass zum ersten Mal nach vielen Jahren alle Bischöfe in China in voller Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri und der universalen Kirche stehen“, sagte Papst Franziskus bei seiner Neujahrsansprache für das diplomatische Corps zu den Folgen des Abkommens mit Peking. Im Vatikan setzen die Verantwortlichen, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin und Kardinal Fernando Filoni, Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker, vor allem auf Belebung der Evangelisierung auf dieser Grundlage.

Das Christentum ist aktuell die am schnellsten wachsende Religion in China. Gleichberechtigung sowie Übereinstimmung der Vertragspartner ist aber offenbar nicht das, was chinesische Behörden aus der Vereinbarung mit Rom herauslesen: Führend verantwortlich für die Religionsgemeinschaften ist in China letztlich die Kommunistische Partei: Als Direktor des Nationalen Büros für religiöse Angelegenheiten fungiert der Vizeminister der Einheitsfrontabteilung der KPC, Wang Zuoan. Bei einer Konferenz aus Anlass des 60. Jahrestags der ersten päpstlich nicht genehmigten Bischofsweihen im vorigen Dezember schwor er die Mehrheit der Bischöfe der offiziellen Kirche auf den Geist der neuen Religionspolitik unter Xi Jinping ein: Das Prinzip der Unabhängigkeit und Selbstverwaltung solle „zu keiner Zeit und unter keinen Umständen“ aufgehoben werden. Das zeigt deutlich, dass es nicht um Konsens mit Rom, sondern um Unterordnung der Kirche geht. Er sprach zudem von Sinisierung des Katholizismus und demokratischer Verwaltung, was beides auf eine starke kommunistische Mitbestimmung in der Kirche hinausläuft.

Wenn Kirchenleute ihrem Gewissen folgen, geraten sie ins Fadenkreuz der Partei

Dass der Status der staatlichen Anerkennung nicht bedeutet, von der Partei nicht mehr behelligt zu werden, könnte der evangelische Pastor Joseph Gu Yuese aus Hangzhou bezeugen, wenn er noch öffentlich sprechen würde. Das ist ihm gründlich vergangen: Er leitete eine der zahlenmäßig stärksten Kirchen in der Volksrepublik und nutzte seine Stellung im Juli 2015 für Kritik an der Beseitigung von Kreuzen von den Kirchenbauten in seiner Küstenprovinz (Zhejiang). Anfang 2016 wurde er zunächst seines Postens enthoben und kam dann in Haft: Auf Protest des damaligen US-Präsidenten Barack Obama kam der international prominente Pastor Ende März 2016 zunächst frei, verbrachte dann 2017 wieder elf Monate hinter Gittern. Die Lehre aus der Geschichte: Wenn Kirchenleute ihrem Gewissen folgen, geraten sie ins Fadenkreuz der Partei. Um schließlich die nicht registrierten Christen unter Kontrolle zu bekommen, die im Innern mehr Freiheiten genießen, sind mancherorts sogar Belohnungen für Denunzianten rechtlich geregelt. Unter einer propagierten Hotline können Parteitreue anrufen, wenn sie „illegale religiöse Aktivitäten“ beobachten. Dieser Aufruf zielt vor allem darauf ab, die schnell wachsenden Freikirchen unter Druck zu setzen.

Auch durch symbolische Akte zeigt die KPC, dass die Zeit hinter die Reformära Deng Xiaoping und seiner beiden Nachfolger zurückgedreht worden ist: Berichte aus ganz China häufen sich, dass örtliche Behörden christliche Gemeinden dazu zwingen, in den Altarraum neben das Kreuz Christi Porträts von Staats- und Parteichef Xi Jinping und sogar von Mao Zedong aufzuhängen: Dessen politische Kampagne der Kulturrevolution fegte von 1966 bis 1976 über das Land und etablierte den Personenkult um ihn. Politische Morde wurden regelrecht belohnt. Zu den Zielen des Terrors der Rotgardisten zählte die radikale Abkehr von Religion.