Im Blickpunkt: Was am Ende wirklich zählt

Von Markus Reder

Da läuft etwas falsch: Auch manchen Christen liegen Totengedenken und Gräbergang schwer auf der Seele. Foto: dpa
Da läuft etwas falsch: Auch manchen Christen liegen Totengedenken und Gräbergang schwer auf der Seele. Foto: dpa

Der November gilt als Totenmonat. Die Tage zu Beginn – Allerheiligen und Allerseelen – geben gewissermaßen den Grundton vor. Meist ist der „goldene Herbst“ dann vorbei und die Natur zeigt ihre neblig, kalte Seite. Tristesse hält Einzug. So manchem schlägt das gewaltig aufs Gemüt. Immer mehr fliehen vor derlei „Herbstdepression“ und reisen in wärmere Gefilde. Auch manchen Christen liegen Totengedenken und Gräbergang bleischwer auf der Seele. Da läuft etwas schief. Denn – bei aller Trauer – im Grunde feiern wir Freuden- und Zukunftsfeste. Der Tod ist nicht das Ende. Christen haben eine Ewigkeitsperspektive. Das lässt aufatmen und befreit von jenem fürchterlichen Diesseitsdruck, unter dem eine neuheidnisch-materialistische Gesellschaft ächzt und stöhnt. Leben, Tod, Erlösung, Himmel, Auferstehung: Da sind wir nicht irgendwo im Kleingedruckten der Theologie, sondern in der Mitte dessen, was Christen glauben und hoffen lässt, woraufhin sie leben und sterben dürfen.

Der Tod ist der große Verwesentlicher. Das gibt ihm bereits zu Lebzeiten besondere Bedeutung. Psychotherapeuten kennen den Begriff der „Sterbebettrelevanz“. Das klingt kompliziert, ist aber ganz einfach. Man überprüfe, was von all den Fragen, Sorgen und Problemen, mit denen man sich behängt, wegen derer man sich aufreibt und die „Köpfe einschlägt“, tatsächlich so wichtig ist, dass es einen noch auf dem Sterbebett beschäftigt. Schnell zeigt sich da, was am Ende wirklich zählt. Da ist die Frage nach einem gnädigen Gott plötzlich viel zentraler als etwa all die Querelen und Reizthemen, mit denen Kirche sich blockiert, ihre Verkündigung vernebelt und ernsthaft Suchenden den Blick auf Jesus Christus versperrt.

Auch Martin Luther hat die Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott“ umgetrieben. Sie schlägt eine Brücke zwischen den Konfessionen. Sie ist hilfreicher als die wiederholte Forderung, die auch diese Woche am Reformationstag von protestantischer Seite vorgetragen wurde, Katholiken mögen das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation mitfeiern. Für Katholiken ist die tragische Spaltung der Christenheit kein Grund zu feiern. Sie kann und muss Anlass zu vertiefter Reflexion sein, vor allem aber zum Gebet um Einheit. Auch mit Blick auf den ökumenischen Dialog hilft die Frage nach der Sterbebettrelevanz weiter. Profilierungstendenzen oder Appelle, die die Wahrheitsfrage ignorieren, erweisen sich da schnell als hinfällig und bedeutungslos. Anders Luthers Ringen um den „gnädigen Gott“. Das verbindet.