Im Blickpunkt: Schutzherr des Libanon

In der aktuellen Krise des Libanon hat der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Rai, staatspolitische Verantwortung übernommen. Von Stephan Baier

Libanesischer Premier Hariri in Paris
Der französische Präsident Emmanuel Macron (r) verabschiedet am 18.11.2017 den libanesischen Premierminister Saad Hariri nach einem gemeinsamen Essen im Elysee-Palast in Paris (Frankreich). Hariri hatte vor zwei Wochen völlig überraschend von Riad aus seinen Rücktritt erklärt und... Foto: Christophe Ena (AP)
Libanesischer Premier Hariri in Paris
Der französische Präsident Emmanuel Macron (r) verabschiedet am 18.11.2017 den libanesischen Premierminister Saad Hariri... Foto: Christophe Ena (AP)

In der aktuellen Krise des Libanon hat der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Rai, staatspolitische Verantwortung übernommen. Das Oberhaupt der größten christlichen Gemeinschaft des Landes verhandelte in Saudi-Arabien mit König und Kronprinz, sprach in Rom mit der US-Botschafterin und wurde am Donnerstag von Papst Franziskus empfangen. Für viele Europäer, die mit der Trennung von Staat und Kirche aufwuchsen, mag das erstaunlich sein, doch es entspricht der Staatsidee und der Tradition des Libanon: Wie sich Russland einst für die Orthodoxen im Osmanischen Reich verantwortlich fühlte, so empfand Frankreich eine Patenrolle für die Katholiken. Also teilten die Franzosen (ausgestattet mit einem Mandat des Völkerbunds) nach dem Ersten Weltkrieg ihr nahöstliches Gebiet so, dass mit dem „Grand Liban“ ein arabisches Land mit knapper christlicher Mehrheit entstand. Nur im Libanon waren die arabischen Christen nicht eine kleine Minderheit, die sich ängstlich um das Wohlwollen der jeweils Regierenden und der islamischen Mehrheitsgesellschaft sorgen musste, sondern eine staatstragende Mehrheit. Nach 17 Jahren Bürgerkrieg und jahrzehntelanger Emigration sind sie nicht mehr Mehrheit, aber doch eine von drei konstitutiven Kräften.

Das komplizierte libanesische Proporzsystem sorgt dafür, dass Maroniten, Sunniten und Schiiten aufeinander angewiesen sind. Es nimmt die drei großen Bekenntnisse in die Pflicht und verhindert eine Tyrannei der Mehrheit, schafft aber zugleich ein Einfallstor für ausländische Einflüsse. So ist die schiitische Miliz und Partei Hisbollah der verlängerte Arm des Iran. Deshalb drohte mit dem saudischen Exil des (sunnitischen) Regierungschefs Hariri tatsächlich eine lebensbedrohliche Krise für das fragile System des Libanon. Wie leicht hätte der Stellvertreterkrieg, den Riad und Teheran bereits in Syrien und im Jemen austragen, auf den Schauplatz Libanon erweitert werden können. Viele arabische Christen hätten dann die Flucht nach Europa ergriffen, um nicht neuerlich in einem von außen gesteuerten und befeuerten Bürgerkrieg zu verbluten. Der maronitische Patriarch wurde in dieser Krise zum Schutzherrn des Libanon und seiner Christen, er übernahm in einer verfahrenen Situation staatspolitische Verantwortung. Für den Moment erfolgreich, wie es scheint.

Aber auch Emmanuel Macron nahm die historische Verantwortung Frankreichs für den Libanon und seine Christen ernst: Seine diplomatischen Bemühungen ermöglichten Hariri eine Heimkehr nach Beirut ohne Gesichtsverlust.