Im Blickpunkt: Profilierte Ausnahmen

Ermahnungen ohne die Bereitschaft, bei Nichtbeachtung auch Konsequenzen zu ziehen, erweisen sich in einer Familie normalerweise als stumpfes Schwert. Der katholischen Kirche geht es nicht anders. Wo Verstöße grundsätzlich schweigend toleriert werden, schleicht sich das Gefühl allgemeinen Desinteresses ein. Zum Reden ist es dann fast schon zu spät. Spaniens Bischöfe gehören hier zu den profilierten Ausnahmeerscheinungen. Ihr Sprecher hat die katholischen Parlamentarier in dieser Woche erneut an ihre Pflicht erinnert, das Lebensrecht der Ungeborenen zu achten. Von der Loyalität katholischer Sozialisten hängt vieles ab, wenn sich das Parlament in der nächsten Woche mit den Änderungsanträgen des Gesetzentwurfes zur Liberalisierung der Abtreibung befasst. Zur Debatte steht das liberalste Abtreibungsgesetz Europas in dem Land mit dem höchsten Anstieg der Schwangerschaftsabbrüche auf dem Kontinent. Für nicht wenige christliche Abgeordnete wird das der Lackmustest ihrer Glaubwürdigkeit.

Das Meinungsspektrum in der regierenden sozialistischen Arbeiterpartei spricht für sich: Spätestens seitdem das katholische Aushängeschild der Regierung Zapatero, Parlamentspräsident José Bono, den Gedanken vom „größtmöglichen Konsens“ formulierte, zeichnet sich eine gefährliche Eigendynamik in der Abtreibungsfrage ab. Empfehlen sich katholische Laien nun als stumme Steigbügelhalter radikaler laizistischer Kräfte in der Partei?

Zwischen ihnen und mehr als 1,2 Millionen Spaniern, die Mitte Oktober für das Recht auf Leben in Madrid auf die Straße gingen, erübrigt sich damit jedes Gespräch. Denn für die katholische Kerntruppe der Pro-Life-Bewegung besteht der einzig akzeptable Konsens im Schutz jedes Ungeborenen. Ihr Zeugnis erreicht auch Nichtchristen, denen der Regierungskurs in der Abtreibungsfrage zuwider ist.

Mit Blick auf katholische Dissidenten setzt die Bischofskonferenz ein deutliches Signal für die Unverhandelbarkeit der Menschenwürde: Wer gegen das Lebensrecht Ungeborener stimmt, begeht eine Todsünde und darf nicht kommunizieren. Weht hier der unangenehme Wind einer strafenden Kirche? Keinesfalls. Wer Schwangere in Not davor bewahren will, vom Gesetzgeber in die Rolle isolierter Einzelkämpfer gedrängt zu werden, muss die Verantwortung aller so klar ins Bewusstsein rufen, um die Schuldfrage richtig stellen zu können: Wer verdient am Geschäft Abtreibung? Wer trägt im Einzelfall Mitverantwortung für die fatale Entscheidung gegen das Ungeborene? Und wer hat es unterlassen, Mutter und Kind zu helfen? Regina Einig