Im Blickpunkt: Neue Wege in schwieriger Zeit

Ganz offen spricht Papst Benedikt in dem nun erscheinenden Interview-Buch „Licht der Welt“, das der Journalist Peter Seewald in wenigen Tagen der Öffentlichkeit vorstellen kann, davon, dass die vatikanische Pressearbeit im „Fall Williamson“ versagt hat. Und dass schließlich die Vertuschungen von Unrecht und das Doppelleben von Klerikern, die im Zuge der Missbrauchsskandale an die Öffentlichkeit kamen, dem Ansehen und der Glaubwürdigkeit der Kirche schwer geschadet haben. Man darf nicht vergessen: Noch zu Ostern dieses Jahres forderten international wahrgenommene Leitmedien den Rücktritt des Papstes – woran Benedikt XVI. selber, wie er in „Licht der Welt“ erklärt, nicht einen einzigen Augenblick lang gedacht hat. Der Steuermann blieb an Bord und nicht zufällig waren die Reisen nach Malta, Portugal, Zypern und England Stationen, auf denen Benedikt Terrain zurückgewinnen konnte: Bei kaum einer Gelegenheit steht der Papst so sehr unter Medienbeobachtung wie bei seinen Auslandsreisen. Es war ein dramatisches Jahr im deutschen Pontifikat. Aber auch das Jahr zuvor, das mit der Aufregung über die Aufhebung der Exkommunikation eines Holocaust-Leugners begann und ebenfalls eine völlig außergewöhnliche Geste erlebte, den „offenen Brief“ des Papstes an die Bischöfe der Weltkirche, war nicht ohne Turbulenzen. Nun also das Buch, das ohne diese Anlässe wohl kaum erschienen wäre.

Das Interesse ist groß, an diesem Wochenende beginnen einige Zeitungen mit Vorabdrucken. In Italien sind es der „Corriere della Sera“ und die Zeitung des Vatikans, der „Osservatore Romano“. Wer vor einer Woche versucht hat, sich durch das überaus umfangreiche nachsynodale Papstschreiben über das Wort im Leben der Kirche zu kämpfen, für den könnte der Unterschied kaum krasser sein. Dort ein Text, der in seiner Fülle selbst den gutwilligen Leser erschlägt, hier ein Interview-Buch, um das sich die Medienleute reißen. Wieder einmal widerlegt Benedikt das Zerrbild von einem einsamen Papst, der nicht recht versteht, was draußen in der Welt vor sich geht. Papa Ratzinger hat sehr genau gespürt, dass dies ein Augenblick ist, in dem ein Wort von ihm auf offene Ohren stößt – wenn er es richtig präsentiert. Er hat nicht die Form des Lehrschreibens gewählt, sondern das freie Wort, aufgezeichnet und dann weit verbreitet. Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Mittel und Wege. Schon Johannes Paul II. gab ein Interview-Buch heraus. Die Palette der päpstlichen Verkündigung ist nun endgültig um eine Form reicher.