Im Blickpunkt: Missionarische Wüste

Von Regina Einig

Die Frühjahrsvollversammlung der deutsche Bischöfe findet dort statt, wo sich die meisten Kirchgänger in Deutschland emotional längst befinden: in der Diaspora. Nahezu gelähmt registrieren die deutschen Ordinariate die drastisch steigende Kirchenaustrittswelle. Hirten und Herde scheinen sich mit Siebenmeilenstiefeln voneinander zu entfernen. Für einen Kirchenaustritt braucht es heute keinen öffentlichen Eklat mehr. Eine Kommunikationspanne genügt in vielen Fällen. Beispiel Steuereinziehung: Seit dem 1. Januar sind die Banken gesetzlich verpflichtet, die Kirchensteuer auf Kapitalerträge abzuführen. Viel zu spät hat die Kirche darauf reagiert. Dieses Versäumnis bescherte den Bistumsleitungen nicht nur das Kopfschütteln der Banker, sondern auch aufschlussreiche Erkenntnisse über ihre tatsächliche Distanz zu einer Altersgruppe, derer man sich bis dahin allzu sicher gewesen war. Erstmals treten Angehörige der Generation 65 plus scharenweise aus. Im Jahr 2015 können Diözesanleitungen allerdings nicht mehr vorwurfsvoll nach Rom oder Limburg schauen, um die vermeintlich Schuldigen des Missbehagens an der Kirche ausfindig zu machen.

Das Mikroklima hat sich gewandelt. Immer mehr Kinder und Jugendliche sind vom Christentum so weit entfernt, dass sie mit der Kirche nur noch einen Festrahmen verbinden. Bei den Eltern der „digital natives“ lässt sich immer seltener eine echte religiöse Sehnsucht aufspüren. Dass mit dem Tod alles aus ist, glaubt zudem eine steigende Zahl der Getauften. Die Bischöfe stehen an einem Scheideweg: Entweder sie benennen die Ursachen der missionarischen Wüste, die Menschen trotz nie da gewesener katechetischer Möglichkeiten vom Evangelium trennt, oder sie beugen sich weiter dem gesellschaftspolitischen Anpassungsdruck. Die erste Lösung wäre ehrlich, aber unbequem. Einzugestehen, dass die Anpassungsschübe der vergangenen Jahre fruchtlos gewesen sind, würde als Kritik an den Vorgängern und an älteren Priestern ausgelegt. Darum greift der gesellschaftliche Assimilierungsdruck. Ein öffentliches Schuldbekenntnis hier, eine Pressekonferenz dort – der Ehrgeiz, Transparenz in den Bistumsfinanzen herzustellen, das kirchliche Arbeitsrecht zu ändern und die sakramentale Praxis mit Blick auf wiederverheiratete Geschiedene anzupassen sind Placebos, die den Patienten Ortskirche an den Tropf legen. Sie schlagen keinen Funken missionarischen Feuers bei der geschrumpften Herde, die noch katechetische Bedürfnisse anmeldet und den Glauben weitergeben will.