Im Blickpunkt: Mehr als Symbolpolitik

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird die existenzielle Not von damals in vielen Köpfen allabendlich wieder lebendig, wenn die Nachrichten Bilder von Ausgebombten und Flüchtlingen aus Krisenregionen senden. Den Verlust der Heimat verwinden viele nie. Damals wie heute tut sich der Staat schwer, das Thema angemessen zu behandeln. In der DDR galt das öffentliche Gedenken an Flucht und Vertreibung als tabu. Auch in der Bundesrepublik überließ man das Thema gern der Kirche und den Vertriebenenverbänden. Dass viele Schüler einer Studie der Freien Universität Berlin zufolge den NS-Staat und die DDR nicht für eine Diktatur halten, erlaubt keine zuversichtlichen Prognosen für die Zukunft. Von der Kirche erwarten Christen zu Recht einen ehrlichen Umgang mit der Geschichte – zumal, wenn sie das kirchliche Leben vor Ort bis heute nachhaltig prägt. Denn die katholischen Pfarreien in Deutschland profitieren auch siebzig Jahre nach Kriegsende vom Engagement und den geistlichen Berufungen aus den Reihen der Heimatvertriebenen.

Zu Recht wenden sich katholische Vertriebene aus dem heute polnischen Ermland darum gegen die Pläne der Deutschen Bischofskonferenz, die überdiözesane Seelsorge an den Heimatvertriebenen und Aussiedlern einzustellen. Auch wenn die Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs integriert sind, leuchtet nicht ein, warum die Sonderseelsorge für die katholischen Heimatvertriebenen 2016 ausläuft. Dass Vertriebenenorganisationen weiter gefördert werden sollen und in Bistümern auch in Zukunft Gottesdienste und Wallfahrten für heimatvertriebene Katholiken angeboten werden, ändert nichts daran – Vertriebenenseelsorge ist nicht zu verwechseln mit der Pflege eines frommen Trachtenvereins. Wie die Kirche heute mit Heimatvertriebenen umgeht, färbt ab auf die Haltung gegenüber den jetzt zu uns stoßenden Christen, die gern in ihre Heimat zurückgingen, dafür aber ihr Leben aufs Spiel setzen müssten. Je gespaltener Kirchenkreise auf die Flüchtlingsfrage reagieren, desto wertvoller werden Beispiele gelungener Integration. Nicht, dass die deutschen Bischöfe in den Nachkriegsjahren ausnahmslos Säulen der Heimatvertriebenen gewesen wären. Im Alltag griffen andere – etwa katholische Lehrerinnen – vor Ort oft beherzter ein. Dennoch war die Sonderseelsorge für Vertriebene mehr als nur Symbolpolitik. Angesichts des finanziellen und personellen Aufwands für Posten und Aktionen, die viele Gläubige eher befremden, signalisierte sie eine notwendige Aufmerksamkeit.