Im Blickpunkt: Machtfaktor Glaube

Nun ist es also entschieden. Amerika hat die Wahl: Barack Obama oder John McCain? Einer von beiden wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein. Jüngste Meinungsumfragen sehen Obama knapp vor McCain. Aber das sagt zu diesem Zeitpunkt absolut nichts. Sicher ist indes etwas anderes: Der Kampf um die Nachfolge von Präsident Bush, er wird lang, er wird hart und er wird hochgradig religiös aufgeladen sein.

Bereits die Vorwahlen haben gezeigt, welch zentrale Rolle der Glaube im Präsidentschaftswahlkampf der USA spielt. Das gilt keineswegs nur für die Republikaner. Nachdem George Bush zweimal mit Unterstützung evangelikaler Wähler ins Amt gewählt wurde, mühen sich auch die Demokraten verstärkt um diese Klientel. Für beide Kandidaten werden die religiösen Wählerschichten im November das Zünglein an der Wage sein. In Sachen Religion tickt Amerika eben völlig anders als Europa. Während es hierzulande viele Wähler längst nicht mehr kümmert, ob ihr Kandidat religiös musikalisch ist, entscheiden Positionen zu Glaube und Moral in den USA durchaus über Sieg und Niederlage. Ein Präsidentschaftskandidat, der seinen Glauben nicht öffentlich zur Schau stellt, hat in Amerika keine Chance. Kein Wunder also, wenn Religion dort mehr ist als ein Bekenntnis. Das haben auch die vergangenen Tage deutlich gemacht.

Nachdem ihn Äußerungen von Geistlichen wiederholt in Bedrängnis gebracht hatten, trat Obama nach zwanzigjähriger Mitgliedschaft aus seiner Kirchengemeinde, der „Trinity United Church of Christ“, aus. Vor den Wahlen will er sich keiner neuen Kirche mehr anschließen. Eine Vorsichtsmaßnahme. Er will sich nicht „haftbar“ machen lassen, für das, was andere predigen. Auch John McCain kennt das Prediger-Problem. Vor kurzem musste sich der Kandidat der Republikaner von zwei Pastoren distanzieren, die seinen Wahlkampf unterstützt hatten. Der eine fiel durch unsägliche Äußerungen zum Holocaust auf, der andere durch Islam-feindliche Äußerungen.

Anders als in Europa, wo der Glaube verdunstet, pulsiert in den USA das religiöse Leben, schillert mitunter in bizarren Farben und nimmt da und dort leider auch hoch problematische Formen an. Während es in Europa den Glauben braucht, um die Vernunft wieder zur Vernunft zu bringen, braucht es in den Staaten die Vernunft, um eine bisweilen fiebrige Religiosität auf gesunder Temperatur zu halten. Der US-Wahlkampf wird einmal mehr eindrucksvoll zeigen, wie wichtig die Versöhnung von Glaube und Vernunft ist. Gerade weil Religion dort eine so zentrale Rolle spielt. Markus Reder