Im Blickpunkt: Lebensschutz und Selbstkritik

Von Stefan Rehder

In den westlichen Gesellschaften ist der Einsatz für den Schutz menschlichen Lebens von der Zeugung bis zum natürlichen Tod Vieles. Mutig, weil ihm der Protest, der mitunter selbst vor Gewalt nicht zurückschreckt, von interessierter Seite so sicher ist, wie das Amen in der Kirche. Karrierehemmend, weil die Toleranz der sich tolerant Dünkenden hier schnell auf schwer oder überhaupt nicht zu überwindende Grenzen stößt. Die Liste ließe sich noch eine Weile fortsetzen, ihre Punkte liefen immer auf dasselbe heraus. Manche leiten daraus ein Recht ab, wenigstens von Kritik aus dem eigenen Lager verschont zu bleiben. Das ist jedoch mindestens so falsch, wie menschlich verständlich. Denn der Einsatz für welche gute Sache auch immer macht einen selbst noch nicht unfehlbar. Mit anderen Worten: Auch Lebensrechtler laufen ständig Gefahr, Fehler zu begehen und bedürfen daher regelmäßig eines wohlmeinenden und ihr Engagement grundsätzlich gutheißenden Korrektivs.

Dass sich nun gleich zwei Erzbischöfe zu Wort gemeldet haben, denen genau daran liegt, ist, wenn auch kein Grund für Selbstzweifel, so doch Anlass zur Gewissenerforschung. Als der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Erzbischof Vincenzo Paglia, unlängst die neue Agenda der Denkfabrik erläuterte, platzierte er auch einige Sätze, die nicht jedem Lebensrechtler gefallen haben dürften. „Es gebe“, so Paglia, „eine bestimmte Art, das Leben zu verteidigen, die es nicht verteidigt.“ Auch warnte er vor „einer Kultur, der ideologischen Reinheit“ und einem „Fanatismus“, der nicht nur „unattraktiv“, sondern auch „unwirksam“ sei. Nun mahnt Berlins Erzbischof Heiner Koch, die Teilnehmer des „Marsches für das Leben“ ihren Einsatz für den Lebensschutz auch in Inhalten und Stil ihres Auftretens angemessen zu vertreten: „Nur so werden Sie Verständnis bei denen wecken können, die sich – aus welchen Gründen auch immer – dieser Bewegung nicht anschließen wollen.“ Genau darum muss es dem gehen, der nicht bloß „Recht haben“, sondern Andersdenkende überzeugen will. Selbstverständlich zeigen etwa Bilder von zerstückelten Embryos die entsetzliche Wirklichkeit des Abtreibungsgeschehens. Sie sind jedoch kommunikativ kontraproduktiv, da sie statt für „Hin-“, für „Weggucker“ sorgen und obendrein die Pietätsfrage aufwerfen. Auch ob Kreuze die richtigen Symbole sind, um für den Lebensschutz zu werben, darüber kann und darf gestritten werden. Vergessen werden sollte dabei nicht: Bei allem, was Lebensrechtler besser unterlassen und möglicherweise verbessern sollten – es sind Einzelne oder kleine Gruppierungen, die von Irrtümern und Fehleinschätzungen nicht lassen wollen. Weder in Deutschland noch andernorts stehen sie Lebensrechtlern oder dem Lebensschutz Modell.