Im Blickpunkt: Laizität auf französisch

Besuche französischer Staatspräsidenten im Vatikan mögen in Friedenszeiten den Eindruck diplomatischer Routine vermitteln. Doch die Begegnung François Hollandes mit Papst Franziskus in dieser Woche war kein Höflichkeitsbesuch und sprengte den Rahmen des protokollarisch Üblichen. Wenn ein sich als ungläubig bezeichnender, doch katholisch getaufter und erzogener Präsident eines laizistischen Staates in der Nationalkirche der Franzosen in Rom, San Luigi dei Francesi, für die Opfer des Terrors in seinem Land betet und dem Papst im Namen aller Franzosen für seine Trostworte nach der Ermordung des Geistlichen Jacques Hamel dankt, paaren sich staatsmännischer Schulterschluss und der Eindruck eines Pilgers während einer Dankwallfahrt. Als „Schutzmacht der Christen im Nahen Osten“ empfahl Hollande Frankreich in Rom, während seine Regierung in Paris unsanft an die Grenzen des laizistischen Staates stößt.

Laizität auf französisch bedeutete im Alltag zwar nie eine übersichtliche Rechtslage, sondern stets ein Labyrinth aus teilweise widersprüchlichen Dekreten, Ministerialerlassen und Gerichtsentscheidungen. Doch seit der Ermordung Abbé Hamels wachsen in der Bevölkerung die Zweifel, ob die Regierung die Ausübung der Religionsfreiheit noch garantieren kann. Wenn ein Priester getötet werde, sei es die Republik, die geschändet werde – mit dieser Einschätzung gesteht Hollande indirekt auch das Scheitern seiner Innenpolitik ein.

Andererseits braucht Frankreich die Christen, weil sie zum Gleichgewicht in einem überforderten Staatsbetrieb beitragen. Das späte Werben Hollandes um die katholische Kirche gilt einer verprellten Klientel: Mit ihrer Bildungs-, Innen- und Familienpolitik hat die sozialistische Regierung viele katholische Wähler gründlich verärgert. Die These, der Katholizismus sei mit dem freien Staat nicht vereinbar, galt unter Frankreichs Sozialisten nicht als Fauxpas, sondern als ernst zu nehmende Position, und auch von einer neuen republikanischen Religion träumte mancher Genosse in Hollandes Amtszeit in aller Öffentlichkeit.

Seitdem sich Frankreich im Krieg gegen den Terror befindet, haben sich die innenpolitischen Gewichte verschoben. Im Zeitraffer durchläuft das Land eine schmerzhafte, aber lehrreiche Entwicklung. Mag es den Franzosen heute auch selbstverständlich erscheinen, Religion als Privatsache zu behandeln – wenn die Einheit der Nation auf dem Spiel steht, lässt sich der Faktor Katholizismus nicht ausklammern.