Im Blickpunkt: Katholische Alternativen

Von Regina Einig

Jedes Heilige Jahr zeigt die Vitalität der Kirche. Die Kraft ihrer ausgestreckten Hände erschließt sich heute allerdings weniger spontan als früher. Im Zeitalter des Massentourismus hat die im Heiligen Jahr empfohlene Pilgerfahrt nach Rom im Bewusstsein der Gläubigen an Glanz verloren und nicht mehr den Charakter des Einmaligen, der andere Generationen noch elektrisierte. Über die Heiligen Pforten, die nun in allen Bistümern offenstehen, erschließt sich aber ein Brückenschlag zu den eigentlichen Schätzen der Kirche: Beichte und Ablass sind zu Unrecht in Vergessenheit geraten und dem individuellen Unschuldswahn geopfert worden. Da der Mensch für dauerndes Verdrängen und Schönreden seines Versagens nicht geschaffen ist, füllen die Folgen leerer Beichtstühle heute die Wartezimmer der Psychologen und lassen das Geschäft mit der Ratgeberliteratur florieren. Die Kirche bietet echte Alternativen: Regelmäßig beichten zu gehen und sein Gewissen vor Gott ins Reine zu bringen ist eine Form der Seelenhygiene. Und ein guter Beichtvater kennt die Grenzen seiner Möglichkeiten und kann angesichts der wachsenden Zahl seelisch belasteter Zeitgenossen abschätzen, ob fachliche Hilfe gebraucht wird.

Im Heiligen Jahr lässt Papst Franziskus in seinen Katechesen darum nicht locker (Seite 6): Das Sakrament der Beichte darf im geistlichen Leben des Christen nicht fehlen und ist auch nicht durch soziales Engagement zu ersetzen. Auch der Ablass zeigt, dass die Kirche den Einzelnen mit den Folgen der Sünde nicht allein lässt, sondern auffängt und heilen will. Im Heiligen Jahr ist nun Zeit, ein Manko zu füllen, denn sowohl die Verkündigung als auch die ordentliche Seelsorge pflegen in Deutschland aus falschen ökumenischen Rücksichten meist einen weiten Bogen um den Ablass zu machen. Im Vorfeld des Reformationsgedenkens wird der Ablass bereits zu Unrecht verdammt. Einseitig darzustellen, wo Christen im Lauf ihrer zweitausendjährigen Geschichte versagt haben, ist die Regel geworden. Das hinterlässt Spuren in den Köpfen.

Gut, dass sich nun die Gelegenheit bietet, den Sinn des Ablasses wiederzuentdecken und eine ausgewogene Perspektive auf die Kirche und ihre Geschichte zu gewinnen. Denn beim Ablass geht es um die seelische Entlastung der Gläubigen und Hilfe zum Heil. Dabei steht der geistliche Reichtum der Kirche mit der Gnade der Vergebung in direktem Zusammenhang. Von der Kirche beschenkt zu werden ist kein Ausnahmezustand, sondern der Normalfall – vorausgesetzt, die Gläubigen akzeptieren es.