Im Blickpunkt: Kairos statt Pragmatik

Von Regina Einig

Das Engagement für den Lebensschutz ist nicht ganz frei von den Gesetzmäßigkeiten der Gruppendynamik. Nach vierzig Jahren voller Rückschläge ist eine gewisse Müdigkeit nicht zu übersehen. Abtreibung, embryonenverbrauchende Stammzellforschung, Pränataldiagnostik und Euthanasie stehen für Dammbrüche mit Konsequenzen. Eine Gesetzgebung, die dem biblischen Tötungsverbot glaubwürdig Rechnung trägt, scheint heute in vielen Ländern so weit entfernt von der Realpolitik, dass auch überzeugte Christen meinen, schon froh sein zu müssen, wenn es nicht noch schlimmer kommt. Pragmatik und Resignation sind sich mitunter zum Verwechseln ähnlich.

Vor diesem Hintergrund stellt die jüngste Stellungnahme der spanischen Bischöfe einen Leuchtturm dar. Im Zug der geplanten Reform des Abtreibungsgesetzes haben die Hirten der konservativen Regierungspartei am Donnerstag ins Stammbuch geschrieben, dass aus katholischer Sicht jeder Schwangerschaftsabbruch unzulässig ist: Niemand habe das Recht, unter keinen Umständen, einem unschuldigen Menschen das Leben zu nehmen. Abtreibung sei keine Lösung, ebenso wenig wie das Kind, das geboren werden solle, ein Problem sei.

Es ist ein couragierter Vorstoß, sich mit dem bisher Erreichten nicht zufriedenzugeben und mitten in der Krise den christlichen Anspruch für Ungeborene ungeschmälert geltend zu machen. Schon der vor Weihnachten gebilligte Gesetzentwurf bedeutete einen Erfolg für die Kirche: Er sieht vor, die geltende Fristenregelung durch eine Indikationenregelung abzulösen, die Mutter und Kind besser schützt als das Abtreibungsgesetz von 1985, aber eben mit Ausnahmen. Ein komplettes Abtreibungsverbot ist heute unter spanischen Katholiken nicht mehr konsensfähig. In liberalen Kirchenkreisen pocht man auf die Gewissensfreiheit der Frau. Schwierig auszuloten ist, ob es dabei tatsächlich um das Gewissen geht, oder ob dieses politisch instrumentalisiert wird, um die Position der zentralspanischen Hirten zu schwächen, weil sie separatistische Vorstöße in den Ortskirchen Kataloniens und des Baskenlandes immer wieder erfolgreich dämpfen. Dennoch steckt eine innere Logik in dem Vorgehen der Bischöfe. Jahrelang haben spanische Katholiken für den Lebensschutz gekämpft. In der Wirtschaftskrise hat sich die Kirche bewährt wie keine andere Institution. Nun ist der Kairos da, die Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass die Kirche nicht nur milde Gaben verteilt, sondern eine Botschaft zu verkünden hat: die Wahrheit des Evangeliums.