Im Blickpunkt: Initialzündung für viele

Von Regina Einig

Der 50. Geburtstag der Charismatischen Erneuerung erinnert daran, welche Euphorie in den Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil von dem Zauberwort „Ökumene“ ausging. Ein solcher Moment lässt sich nicht einfach wiederholen oder auf die Gläubigen im 21. Jahrhundert übertragen. Doch der Gedanke, das gemeinsame Gebet in den Mittelpunkt zu stellen, statt über lehrmäßige Unterschiede zu diskutieren, stellt für nicht wenige Christen aller Konfessionen eine verlockende Option dar. Bis heute ist die Charismatische Bewegung allerdings für nicht wenige Christen und Fernstehende eine Initialzündung geblieben, die ihnen eine Brücke zum Verständnis der Taufe und des Wirkens des Geistes schlägt. Gerade in den USA und Lateinamerika verkörpert der extravertierte Stil der Charismatiker mit Blick auf die Neuevangelisierung auch eine Alternative zu Pfingstkirchen und christlichen Sekten, die Menschen offener umwerben als etablierte Pfarreien. Dass freies Beten unter jungen Gläubigen heute weniger gefragt ist als in den hippen sechziger und siebziger Jahren, lässt sich nicht nur am wachsenden Interesse vieler junger Katholiken an traditioneller lateinischer Liturgie ablesen. Parallel zu den von den Pfingstkirchen inspirierten Charismatikern hat die ökumenische Bewegung Blüten in Richtung Ostkirchen ausgetrieben. Elemente der byzantinischen Liturgie sind von jungen Gemeinschaften in katholische Gottesdienste aufgenommen worden und unter Jungen en vogue.

Nicht zuletzt dokumentieren auch die Lebenswege etlicher Anhänger der Charismatischen Bewegung der ersten Generation bemerkenswerte geistliche Entwicklungsspielräume. Unter diesem Gesichtspunkt bietet die Charismatische Bewegung ein Feld, das zu beobachten sich lohnt – auch unter dem Aspekt, das sich hier spirituelle Zellteilungen anbahnen können. Bewegungen wie „Chemin Neuf“ oder die Gemeinschaft der Seligpreisungen wären ohne die geistliche Starthilfe der Charismatischer kaum in Gang gekommen. Lobpreis ist zwar kein Alleinstellungsmerkmal der Charismatischen Bewegung mehr, doch spirituell ausgehungerte Zeitgenossen, die in überalterten, ermüdeten Gemeinden kaum jenen Missionseifer finden, der Voraussetzung wäre für die Neuevangelisierung, spricht die Charismatische Bewegung besonders an. Da geistliche Erlebnisse aber nicht gleichzusetzen sind mit geistlicher Erkenntnis zählt letztlich, dass die praktische Umsetzung der Begeisterung für da Evangelium mit der Ordnung der Kirche in Einklang steht.