Im Blickpunkt: Illusionen des Katholischen

Von Stephan Baier

Hat Kardinal Christoph Schönborn in Wien eben eine Kirchenspaltung verhindert? Oder hat er zur weiteren Verwirrung des Publikums beigetragen? Oder haben die österreichische Pfarrer-Initiative und die Bischöfe einfach nur Zeit gewonnen, um zur finalen Konfrontation zu rüsten? Jedenfalls wurde nach einer zweiten Gesprächsrunde zwischen Kardinal und Rebellenpfarrern die weiße Fahne gehisst: Die Unterzeichner des „Aufrufs zum Ungehorsam“ müssen keine disziplinären Maßnahmen fürchten und dürfen ihre „Wünsche“ weiter äußern, haben aber „ihre grundsätzliche Loyalität zu Kirche und Bischof“ bekundet und insistieren auf einem „breiten Dialog“. Reicht das? Schon klar, dass Kardinal Schönborn einer säkularen Öffentlichkeit nicht das Gaudium eines monatelangen Kirchenkampfes bieten wollte. Zudem der wortgewaltige Chef der Pfarrer-Initiative, Ex-Generalvikar Helmut Schüller, ein priesterlicher Medienstar ist. Jede Konfrontation hätte Schüller noch mehr Schlagzeilen beschert und zu einer Solidarisierung vieler Kleriker geführt. Vielleicht wären da gar unerfreuliche Mehrheiten sichtbar geworden – unter den Geistlichen.

Dennoch: Wurde durch die von den Bischöfen seit August betriebene „Deeskalation“ eine Kirchenspaltung in Österreich verhindert – oder wird nur eine bereits vorhandene verschleiert? Zur Erinnerung: Der Vorstand der Pfarrer-Initiative berief sich bei seinem „Ungehorsam“ nicht auf eigene Schwächen und Unfähigkeiten, sondern auf das Gewissen. Welches Selbstverständnis hat ein katholischer Priester, der Papst und Bischof aus Gewissensgründen den Gehorsam verweigert? Und welches Eucharistie- und Kirchenverständnis haben Priester, denen am Sonntag ein priesterloser Wortgottesdienst lieber ist als „liturgische Gastspielreisen ortsfremder Priester“?

Fragen, die jetzt nicht geklärt oder beantwortet, sondern vertagt wurden. Vielleicht deshalb, weil Österreich bereits viel zu säkularisiert ist, um einer solchen Debatte über Kernfragen des Katholischen noch zu folgen? In der Tat: Der auch in Widerspruch und Kirchenhass noch aufblitzende österreichische Klerikalismus ist hohl geworden. Wie trist es hinter den Fassaden des österreichischen Katholizismus aussieht, ist Kardinal Schönborn längst bewusst. Doch im Gegensatz zur Pfarrer-Initiative setzt er mit seinem Reformstreben nicht auf die Verwaltung des Bestehenden, sondern auf einen neuen missionarischen Geist, nicht auf Aufweichung des Katholischen, sondern auf Erneuerung der Gottesbeziehung. Dafür jedenfalls hat er nun Zeit gewonnen.