Im Blickpunkt: Hermeneutik der Kontinuität

Von Guido Horst

Das Referat von Kardinal Gerhard Müller über „Amoris Laetitia“ ist lang (siehe Seiten 6 bis 8). Aber es hat nach soundsovielen Stellungnahmen aus kirchlichem Mund das unbestreitbare Verdienst, das Hauptanliegen von Papst Franziskus wieder in das Zentrum zu rücken: Die Kirche begleitet und beschützt die Eheleute und ihre Familien, sie hilft ihnen, den Individualismus zu überwinden und unterstützt die Kultur wirklicher Liebe durch eine „Seelsorge der Bindung“. Vor allem versichert die Kirche den Ehepartnern, dass sie sie in allen Situationen begleitet und sie nicht alleine lässt, wenn sie Prüfungen zu bestehen haben. Schon die Verlobungszeit ist eine solche Phase, in der es nicht nur um ein, zwei Stunden im Ehevorbereitungsseminar geht, sondern darum, die jungen Menschen zu lehren, dass sie mit dem Jawort auch ein Ja zu dem Plan Gottes für sie, zu ihrer ehelichen Berufung sagen. Gelebte Barmherzigkeit heißt eben nicht, dass sich die Seelsorger hinter dem Ambo, die Theologen in ihren Studierstuben oder die Berufskatholiken hinter ihren Stellungnahmen und „Forderungen“ verschanzen, sondern dass sich die Kirche zu den Menschen begibt, um mit ihnen zu leben, ihre Sorgen zu teilen und für jeden jenes kleine Stück Kultur zu schaffen, in dem die wahre Liebe aufblühen kann.

Aber der Präfekt der Glaubenskongregation muss zur Kenntnis nehmen, dass sich nach dem synodalen Prozess und nach dem nachsynodalen Schreiben unterschiedliche Interpretationen gehäuft haben – gerade in jener sattsam bekannten Streitfrage, ob denn zivil Wiederverheiratete in einzelnen Fällen die Sakramente empfangen können. Darum widmet er die Hälfte seines in Spanien gehaltenen Vortrags dieser Frage. Der Philosoph Robert Spaemann hat in diesem Zusammenhang eine bedrückende Warnung geäußert (siehe DT vom 30. April) – Spaemann verwendet eine Hermeneutik des Bruchs. Die Antwort von Kardinal Müller ist da eher beruhigender: Sie interpretiert „Amoris laetitia“ im Sinne einer Hermeneutik der Kontinuität. Da wo das Schreiben von Papst Franziskus irreguläre Situationen im Allgemeinen beschreibt, also jemanden, der objektiv nicht nach den Geboten Gottes lebt, dies aber subjektiv noch nicht in vollem Umfang erfassen kann, widerspricht das noch nicht die Lehre der vergangenen Päpste, die in einem ganz konkreten Einzelfall, eben dem der zivilen Wiederverheiratung, im Einklang mit der Tradition der Kirche eine ganz präzise Feststellung getroffen haben. Kardinal Müllers Wort hat da von Amts wegen starkes Gewicht.