Im Blickpunkt: Gehen oder bleiben?

Von Oliver Maksan

Mehrere katholische Patriarchen aus dem Nahen Osten sind in dieser Woche in den Irak gereist, um der in den dschihadistischen Abgrund starrenden irakischen Christenheit beizustehen. Papst Franziskus hat nach eigenem Bekunden kurzzeitig sogar erwogen, selbst in den Irak zu fahren. Zahllose Gebetsinitiativen haben sich entwickelt und christliche Hilfswerke nehmen ihre Arbeit auf. An kirchlicher Solidarität mangelt es also nicht.

Derzeit sind die Kirchenführer im Irak damit beschäftigt, das schiere Überleben ihrer vertriebenen Gläubigen zu organisieren. Zehntausende von Christen vegetieren in der Hitze des irakischen Sommers. Darüber sollte aber das langjährige Leiden der syrischen Christenheit nicht vergessen werden. Doch wie geht es weiter im Irak und in der Region?

Das größte Problem, dem Kirchenführer, Politiker und Hilfswerke bei ihren Bemühungen, Christen im Irak und in der Region zu halten, begegnen, ist die Instabilität, die den Nahen Osten auf unabsehbare Zeit im Griff halten wird. Die Parallelen zum Dreißigjährigen Krieg in Europa liegen auf der Hand. Das gewaltige Ringen zwischen Islamisten, Autokraten und Moderaten einerseits, Schiiten und Sunniten andererseits, muss nicht zwangsläufig zugunsten der moderaten Kräfte ausgehen. Es gibt keinen Geschichtsmechanismus, der die Region quasi automatisch in eine bessere Zukunft führt. Viele Christen wollen aber nicht warten, bis sich eine neue Ordnung herausgebildet hat. Sie sind dabei zu emigrieren oder verwenden ihre Energie darauf, die Emigration vorzubereiten. Kirchenführer lehnen westliche Visumsangebote für Christen häufig ab. Aus ihrer Sicht ist das verständlich. Ein Familienvater muss diese Perspektive aber nicht teilen. Auf regionale Lösungen wird er dann gern verwiesen. Aber ist ein jahrelanges Flüchtlingsdasein im Libanon oder Jordanien einer jungen Familie wirklich zuzumuten? Es gibt irakische Christen, die seit sieben Jahren als Flüchtlinge in Amman leben, wo sie offiziell noch nicht einmal arbeiten dürfen. Die Zukunft wird deshalb vor allem im Irak eine noch größere Migration erleben.

Die Kirchenführer müssen der je nach Land unterschiedlich starken Abwanderungstendenz aber nicht tatenlos zusehen. Entscheidend ist – neben ökonomischer Hilfestellung für die Betroffenen – die Ökumene zu stärken, die Kräfte zu bündeln. Eine Art Synode aller Kirchen des Nahen Ostens wäre ein starkes Zeichen. Wahrscheinlich ist sie aufgrund der theologisch und historisch bedingten Zerstrittenheit indes nicht.