Im Blickpunkt: Die Akademie des Anstoßes

Von Guido Horst

Mancher mag daran Anstoß nehmen, dass Paul R. Ehrlich von der Stanford University am kommenden Montag bei einer Tagung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Sozialwissenschaften über Artenschutz einen Vortrag hält. Im Vatikan, in der Casina Pio IV, dem Sitz der Akademie für Sozialwissenschaften. Ehrlich ist ein zweifelhafter „Prophet“ der Überbevölkerung – sein bekanntestes, von den Fakten widerlegtes Buch trägt den Titel „Die Bevölkerungsbombe“ (1968) – und ein harter Kritiker der kirchlichen Lehre zur Geburtenkontrolle. Was für ein Zeichen setzt der Vatikan damit, dass er dem Wissenschaftler jetzt ein Forum bietet?

Päpstliche Akademien sind weder Dikasterien der Kurie noch Teil der universalen Kirchenführung. Ihnen gehören auch Nicht-Katholiken, Agnostiker und Atheisten an. So ist der Gottleugner, aber geniale Astrophysiker Stephen Hawking Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Diese Akademien sind Institutionen, mit denen die Kirche am freien wissenschaftlichen und kulturellen Austausch teilnehmen will. Für ähnliche Missverständnisse wie jetzt der Vortrag von Ehrlich haben in der Vergangenheit Veranstaltungen der Päpstlichen Akademie für das Leben gesorgt, wenn dort Thesen vorgetragen wurden, die nicht der Lehre der Kirche entsprachen.

Es ist nicht der Papst, der da spricht. Aber der Kanzler der Päpstlichen Akademien der Wissenschaften wie der Sozialwissenschaften, der argentinische Bischof Marcelo Sánchez Sorondo, hat oft wenig Gespür, wenn es um seine Tagungen geht. So, als er UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon zu einer Veranstaltung einlud, ohne dass das vatikanische Staatssekretariat davon wusste. Oder als er dem sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders mitten im Wahlkampf eine Plattform bot, was dieser dafür nutzte, Papst Franziskus im Gästehaus des Vatikan einen Handschlag abzutrotzen und das entsprechende Foto mit in die Vereinigten Staaten zurückzunehmen.

Jetzt also Paul Ehrlich, ein Neo-Malthusianer, der für geschlechtsbezogene selektive Abtreibungen eintritt und mit seinen wissenschaftlichen Thesen allem widerspricht, was die Kirche zur Geburtenkontrolle zu sagen hat. Schon gibt es Stimmen, die vermuten, dass Papst Franziskus den Kurs des Vatikan in Fragen der Verhütung, Abtreibung und Geburtenplanung liberalisieren möchte. Das ist zwar nur blühende Phantasie – aber von außen und aus der Entfernung betrachtet ist das schon missverständlich, was da am kommenden Montag passiert.