Im Blickpunkt: Der Papst spielt den Joker aus

Seit der legendären zehntägigen Spanienreise Johannes Pauls II. im Herbst 1982 erwartet die katholische Kirche auf der iberischen Halbinsel von Papstbesuchen eine Art fröhlichen Befreiungsschlag. Der Papst aus Polen machte es vor: Nach den schwierigen Jahren des politischen Übergangs vom Francoregime zur parlamentarischen Monarchie bestärkte er die Spanier im Bewusstsein, zu Europa zu gehören. Der Bann der Isolation, der den Spaniern seit dem Bürgerkrieg zu schaffen gemacht hatte, war gelöst. Als untrügliches Zeichen kontinentalen Zusammengehörigkeitsgefühls kam wieder Leben in die etwas vertrocknete Wallfahrt zum Grab des Apostels Jakobus. Es lag nicht allein an der unter Franco intensiv gepflegten Jakobusverehrung als Schutzherr der spanischen Truppen und Patron Spaniens, die die Nachkriegsgeneration zuvor hatte frösteln lassen. Auch in Frankreich hatten Revolution und Weltkriege praktisch einen Schlussstrich unter die Pilgerfahrt gezogen. 1950 wurde die erste Vereinigung französischer Jakobusfreunde gegründet, von den achtziger Jahren an ging die Kurve der Neugründungen in Europa steil nach oben.

Seitdem ist der Jakobsweg nicht nur zum Paradies frommer, sondern auch esoterisch bewegter Sinnsucher geworden. Hape Kerkeling wurde der Prototyp der Zeitgenossen, die sportliche Selbsterfahrung, spiritueller Kick und die Lust am spirituellen Wandern beflügelt. Das etwas oberflächliche Sichausprobieren nach dem Motto „der Weg ist das Ziel“ hat den Blick auf Christus als Ziel jeder christlichen Wallfahrt teilweise verstellt. Weniger als die Hälfte der 2009 im Pilgerbüro von Santiago Registrierten gab vorwiegend religiöse Gründen für ihr Kommen an. Dennoch hat der Jakobsweg weit über die Grenzen der katholischen Kirche hinaus gezündet. Der Papstbesuch ist daher eine Chance zur Rekatholisierung des Pilgererlebnisses Jakobsweg, denn vielen religiös Aufgeschlossenen ist die Bedeutung von Eucharistie, Beichte, Ablass und Pilgersegen nie erklärt worden. Für die Gutwilligen spielt Benedikt XVI. nun den Joker „Jakobsweg“ auf seine Weise aus: Sein Besuch am Apostelgrab dürfte ein geistlicher Lehrgang zum Thema „Richtig pilgern“ werden. Benedikt XVI. beschränkt sich auf das Wesentliche: Im Zentrum des Aufenthaltes stehen das Messopfer und die traditionellen Pilgerrituale in der Kathedrale. Der Papst leuchtet damit auch Berufspilgern heim, die ihre spirituelle Experimentierfreude der täglichen Messfeier vorziehen: Was, wenn nicht die tägliche Eucharistie wäre der Leuchtturm des christlichen Pilgers?