Im Blickpunkt: Das letzte Tabu wackelt

Das Interview mit dem österreichischen Familien-Bischof Klaus Küng, das am vergangenen Wochenende in dieser Zeitung erschienen ist, hat Wellen geschlagen. Keine Zeitung in Österreich, die nicht darüber berichtet hätte. Auch in Deutschland wurde es aufgegriffen und zitiert. Für Aufsehen sorgte – bezeichnenderweise – jene Passage, in der Küng vor den Gefahren homosexueller Netzwerke in der Kirche warnte. Von diesen gehe eine Atmosphäre aus, „die ganz bestimmte Personen anzieht, andere dagegen abstößt zum großen Schaden für die Seelsorge“. Solche Netzwerke bedrohten Klöster, Seminare und Diözesen existenziell, mahnte Küng.

Es ist nicht zum ersten Mal, dass das thematisiert wird. Wohl aber hat sich mit Küng erstmals ein Bischof des deutschen Sprachraums öffentlich derart deutlich dazu geäußert. Was der Bischof von St. Pölten anspricht, ist weder neu, noch in irgendeiner Weise ein spezielles österreichisches Phänomen. Erst vor kurzem hat auch die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) auf die Gefahr einer sich ausbreitenden „klerikal-homophilen Subkultur“ in den deutschen Bistümern hingewiesen und die Existenz homosexueller Netzwerke als „eines der bestgehüteten Geheimnisse in der Kirche“ (Deckers) bezeichnet. Diesen Gruppen sei es bislang auch gelungen, eine Brandmauer zu ziehen zwischen der Debatte über sexuellen Missbrauch in der Kirche und Homosexualität, hieß es in der FAS. Das ist in der Tat der Fall.

Sicher, einen direkten Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie gibt es nicht. Der Blick in die Gesellschaft zeigt: Mädchen werden viel häufiger Opfer von Missbrauch als Jungen. Doch der innerkirchliche Befund sieht anders aus und genau das wirft Fragen auf, denen sich die Verantwortlichen in der Kirche stellen müssen: Drei von vier Geistlichen, die sich in den USA an Kindern vergingen, waren homosexuell (John Jay Report). Bei den 3 000 Pädophilie-Fällen, die die vatikanische Glaubenskongregation in den Jahren 2001 bis 2010 beurteilt hat, handelt es sich in rund 60 Prozent der Fälle um Akte von Ephebophilie, also um homosexuelle Handlungen mit Jugendlichen. Das kann man nicht einfach ignorieren. Darüber muss geredet werden. Ehrlich, sachlich und ohne Scheuklappen. Mit Homophobie hat das nichts zu tun. Auch wenn dies seitens der (innerkirchlichen) Homo-Lobby stets wirkungsvoll unterstellt wird. Die Kirche hat sich im Zuge der Missbrauchs-Debatte „rückhaltlose Aufklärung“ verordnet und ein „Ende des Vertuschens“ ausgerufen. Das muss dann auch für das Thema Homosexualität und „homosexuelle Netzwerke“ gelten.

Homosexuell empfindende Seminaristen oder Kleriker unter Generalverdacht oder automatisch in die Pädophilen-Ecke zu stellen, das darf nicht sein. Aber der Blick auf die Zahlen belegt, dass es da ein Problem in der Kirche gibt. Öffentlich hat bislang kaum jemand darüber zu sprechen gewagt. Dieses Schweigen zeigt nur, wie groß das Problem und wie mächtig der Einfluss der entsprechenden Netzwerke längst ist. Ist es ernst gemeint mit dem „Ende des Wegschauens“ in der Kirche, dann muss dieses Tabu fallen. Markus Reder