Im Blickpunkt: Beschneidungen des Rechts

Von Stefan Rehder

Müssen Christen in Zukunft bei der Feier der Liturgie auf den Weihrauch verzichten? Machen sich Priester der gefährlichen Körperverletzung von Kindern und des Verstoßes gegen Artikel 2 des Grundgesetzes schuldig, wenn sie in der Familienmesse das Weihrauchfass schwenken, obwohl manche meinen, Feinstaub schädige die Gesundheit? Wird sich der Ethikrat, der Regierung und Parlament in bioethischen Fragen berät, demnächst mit der Kindstaufe beschäftigen? Werden die Experten dem Gesetzgeber empfehlen, die Kindstaufe gesetzlich zu regeln und anregen, diese unter Auflagen zu erlauben, etwa wenn das Taufwasser lau statt kalt ist und der Täufling nicht – wie bei den Orthodoxen üblich – ganz untergetaucht wird? Werden atheistische Wissenschaftler vor der traumatisierenden Wirkung warnen, die der seit Jahrtausenden praktizierte Taufritus in den Seelen – pardon, in der Psyche – von Kindern entfalten kann?

Fragen wie diese muss stellen, wer nicht nur das Urteil des Kölner Landgerichts zur Strafbarkeit der Beschneidung nicht einwilligungsfähiger Jungen (Az.: 151 Ns 169/11) zur Kenntnis genommen hat, sondern auch die erstaunliche Debatte verfolgt, die es entfacht hat. Da wird die von Juden und Muslimen seit rund viertausend Jahren praktizierte Beschneidung männlicher Säuglinge und Knaben doch allen Ernstes auf eine Stufe mit der Genitalverstümmelung von Mädchen in Teilen Afrikas gestellt. Das ist in etwa so redlich, als wollte man behaupten, eine Impfung sei nicht nur formaljuristisch genauso eine Körperverletzung wie eine Amputation, sondern auch ähnlich schwerwiegend. Was dem Debattenfass aber den Boden ausschlägt, ist die Tatsache, dass viele derjenigen, die unter Berufung auf die Aufklärung meinen, gläubigen Juden und Muslimen das Recht auf Religionsfreiheit beschneiden zu dürfen, zugleich ein Recht auf Abtreibung propagieren.

Man muss sich diese Schizophrenie vor Augen führen: Dieselbe Mutter, die keinen Rabbi beauftragen dürfen soll, ihrem Sohn acht Tage nach der Geburt die Vorhaut zu entfernen, um ihn in die jüdische Religionsgemeinschaft aufnehmen zu lassen, soll ihn von einem Abtreibungsarzt bis zum Einsetzen der Wehen zerstückeln lassen dürfen. Wer bedarf hier eigentlich der Aufklärung? Wessen Recht gehören beschnitten? Die Rechte jener, die auf dem Altar der Religion einen Fetzen Haut opfern oder vielleicht doch die derjenigen, die meinen, auf dem der Altar der Moderne Millionen von Menschen opfern zu können?