Im Blickpunkt: Belastete Berufswahl

Von Regina Einig

Fröhlich ist das Studentenleben derzeit nicht unbedingt. Zu Semesterbeginn zeichnen sich vor allem in den pädagogischen Berufen düstere Perspektiven ab. Wie der Gesetzgeber ganze Berufszweige ideologisch überschattet, zeigt pars pro toto die Einführung des Gender-Mainstreaming in Hessen und Baden-Württemberg. Unter verharmlosendem Polit-sprech verbirgt sich eine frontal gegen die Schöpfungsordnung gerichtete Bildungspolitik. Wie sollen katholische Lehramtskandidaten Unterrichtspläne, nach denen die Vielfalt sexueller Orientierungen fächerübergreifend gelehrt werden soll, mit ihrem Gewissen vereinbaren? Dass überzeugte Katholiken mit Interesse am Lehrberuf mitunter lieber Chemie und Physik studieren als sich später einmal den Unwägbarkeiten von Fächern wie Politische Wissenschaft oder Gesellschaftskunde auszuliefern spricht für sich. Hessen hat den Widerstand des Landeselternbeirats gegen die Genderisierung der Lehrpläne per Ministerentscheid ausgeschaltet, nicht aber die Gewissen.

Die Studienanfänger zahlen den Preis für den radikalen Feminismus der 68er: Für das Zauberwort „Gleichberechtigung“ scheint seit knapp fünfzig Jahren alles erlaubt, selbst der totalitäre Progressismus. Schon mit der Einführung der straffreien Abtreibung ist die Berufswahl in klassischen Frauendomänen – Geisteswissenschaften sowie Heil- und Pflegeberufen schwieriger geworden. Sich für Berufe mit idealistischem Anspruch zu entscheiden, ist heute mit einem höheren Leidensrisiko verbunden – und auch mit der Frage, ob man später die eigene Seele im Berufsleben verkaufen muss. Der staatlich betriebene Druck auf Frauen, Familie und Kinder zu vereinbaren, lenkt von der Frage ab, welche Entfaltungsmöglichkeiten ihnen der Beruf überhaupt lassen wird. Niemand darf es Abiturienten verübeln, dass sie den Lehrbetrieb an staatlichen Schulen als Zumutung empfinden. Welchen Sinn hat es, wenn sich 13- bis 16-Jährige im Unterricht mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch in gängiger liberaler Lesart befassen?

Der Schritt von der Gleichberechtigung über die Gleichstellung zur Genderideologie wird in kirchlichen Institutionen teilweise toleriert. Vom Vorwurf der Wagenburgmentalität verunsichert, scheuen auch katholische Institutionen vor mehr Eigenständigkeit zurück. Dass sich die evangelische Seite in der Genderfrage als ungeeigneter Mitstreiter erweist, erschwert das Engagement. Eine vertane Chance für eine glaubwürdige Ökumene.