Im Blickpunkt: Barmherzigkeit ganz konkret

Von Guido Horst

Guido Horst. Foto: DT
Guido Horst. Foto: DT

Es waren einfache Worte, mit denen Franziskus am 21. März im Dom von Neapel vor Priestern, Ordensleuten und Diakonen über die christliche Barmherzigkeit sprach. Da hatte er – eine gute Woche zuvor – gerade erst zur Überraschung aller das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“ in Aussicht gestellt, dessen offizielle Ankündigung heute in Rom durch die Proklamation der entsprechenden Bulle erfolgt. Und der Papst, ein Mann der praktischen Seelsorge und weniger der theologischen Spekulation, wurde schnell konkret. Wie sehr habe man doch die Werke der Barmherzigkeit vergessen, sagte er damals in Neapel. „Wenn ihr nach Hause zurückkommt, nehmt den Katechismus und erinnert euch an diese Werke der Barmherzigkeit, die die Alten und die einfachen Leute in den Stadtvierteln, in den Pfarreien verrichten, weil Christus zu folgen, Christus nachzugehen, einfach ist.“ Es gelte, so der Papst, sich wieder an die leiblichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit zu erinnern.

„Wenn in meiner Nähe ein Kranker lebt, den ich besuchen will, aber die Zeit, die ich dafür hätte, mit der nächsten Folge einer Telenovela zusammenfällt und ich mich bei der Wahl zwischen Telenovela und dem Werk der Barmherzigkeit für die Telenovela entscheide, dann geht das nicht.“ Franziskus will nicht, dass man über die Barmherzigkeit Gottes nur theologische Diskurse führt, er will vor allem, dass man sie lebt.

Da der Papst alles so praktisch sieht, hier also die Werke der Barmherzigkeit, wie sie im Katechismus stehen. Die geistlichen: Belehren, raten, trösten, ermutigen sowie vergeben und geduldig ertragen. Und die leiblichen: die Hungrigen speisen, Obdachlose beherbergen, Nackte bekleiden, Gefangene besuchen und Tote begraben. Diese Werke, die Franziskus übrigens alle persönlich verrichtet oder von seinen Mitarbeitern verrichten lässt, soll jeder Getaufter im Heiligen Jahr wieder üben lernen. Er soll sie nicht den „Barmherzigen vom Dienst“, etwa den Missionarinnen der Nächstenliebe, überlassen – oder den Hilfsdiensten oder caritativen Organisationen, die dafür ja auch Steuermittel erhalten. Sondern jeder ist aufgerufen, in der Familie, in der Nachbarschaft, im Freundes- und Bekanntenkreis oder unter den Kolleginnen und Kollegen Werke der Barmherzigkeit zu verrichten. Das Heilige Jahr soll ein Jahr der Umkehr und Bekehrung sein, um die Vergebung des barmherzigen Gottes zu erlangen. Aber auch ein Jahr der ganz konkreten Taten, die oft in Kleinigkeiten bestehen. Weil das, so Papst Franziskus, die ganz einfache Art ist, wie jeder Getaufte Jesus Christus folgen kann, das heißt sich als wahrer Christ erweist.