Im Blickpunkt: Auf der Suche nach den Quellen

Von Regina Einig

Fast alle Ordensgemeinschaften befinden sich derzeit in einem Zwiespalt. Traditionell beten katholische Pfarreien zwar für geistliche Berufe, doch gleichzeitig schwindet die binnenkirchliche Toleranz für junge Leute mit Interesse am Ordensleben. Wer sich zum Eintritt entschließt, hat nur selten die eigene Familie hinter sich (Seite 5). Es sind nicht nur kirchenferne Zeitgenossen, die über sie den Kopf schütteln. Unter praktizierenden Christen bekommt ein Leben nach den evangelischen Räten fast einen exotischen Anstrich. Von Zeit zu Zeit eine Auszeit hinter Klostermauern mag dann noch angehen. Doch lebenslange Bindung ist das Problem. Hier fordert die Verweltlichung der Kirche ebenso ihren Tribut wie bei den kinderreichen Familien. Auf den ersten Blick scheint ein Gehorsamsgelübde auf Lebenszeit dem Prinzip Selbstverwirklichung ebenso zu widersprechen wie die Verantwortung für mehrere Kinder.

Ob das Jahr des geweihten Lebens mehr Verständnis für ein Leben in Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam weckt? Papst Franziskus fordert von den Gemeinschaften Reformen für eine innere Erneuerung und warnt eindringlich vor Strukturen, die eine falsche Sicherheit vermitteln. Die Schnittmenge zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und Ordensgemeinschaften war vermutlich nie höher als heute.

Allerdings haben die Erfahrungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gezeigt, dass gelockerte Klausurbestimmungen, ein Auto zur persönlichen Verfügung, drei Wochen Urlaub im Jahr und Zivilkleidung plus Handy die Faszination des Ordenslebens nicht zwingend erhöhen. Wenn sich Strukturreformen als solche positiv auf die Ausstrahlung eines Ordens auswirkten, wären die meisten Klöster nördlich der Alpen vermutlich voll.

Papst Franziskus hat gute Gründe, nicht allein auf Strukturveränderungen zu bauen, sondern vor allem eine Neubesinnung auf das Charisma der Gründer zu fordern. Die Suche nach den Quellen des geistlichen Lebens treibt viele Junge viel stärker um, als es ihnen oft zugetraut wird. Abseits der kirchensteuerfinanzierten Wohlfühlecken wächst das geistliche Leben oft besser. Die jungen Ordensgemeinschaften aus Frankreich und Indien in Deutschland etwa verkörpern heute oft sichtbarer einen alternativen Lebensentwurf als manche etablierten Kongregationen. Einige haben sogar erlebt, dass überalterte Konvente in der neuen Heimat zu ihren Geburtshelfern wurden. Das Gebet um Ordensnachwuchs wird erhört – vielleicht anders als erwartet.