„Ihre neue Ideologie ist das eurasische Imperium“

Das „Reich des Bösen“ lag zwar ein Jahrzehnt im Koma, aber es starb nie, meint der ukrainische Kirchenhistoriker Oleh Turiy. Von Stephan Baier

Symphonie von Kirche und Staat: Wladimir Putin bei der Thronbesteigungsfeier des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill im Jahr 2009. Foto: dpa
Symphonie von Kirche und Staat: Wladimir Putin bei der Thronbesteigungsfeier des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill ... Foto: dpa

Fast klang es wie eine Seligsprechung zu Lebzeiten: Durch seine „jahrzehntelange Selbstaufopferung“ und „fruchtbringende Arbeit“ sei Wladimir Putin bereits „Teil der vaterländischen Geschichte“. Insbesondere stärke Russlands Präsident die „moralischen Grundlagen im Leben der Gesellschaft“. Kein Geringerer als das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I., lobte den Kremlchef zu dessen 62. Geburtstag mit solchen hymnischen Worten. Kyrill beschwor am Dienstag die „konstruktive Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat“ sowie die „traditionellen geistig-moralischen Ideale, die unser Vaterland in seiner großen Geschichte und Kultur geprägt haben“.

Diese in der Orthodoxie bis auf Byzanz zurückreichende Suche nach einer Symphonie zwischen geistlicher und weltlicher Macht und die Identifikation der Kirche mit der nationalen Tradition kritisiert der ukrainische Kirchenhistoriker Oleh Turiy, einer der führenden Wissenschaftler an der Ukrainischen Katholischen Universität in Lemberg (Lviv): Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts habe es in Russland die „Ideologie der russischen Zivilisation“ gegeben, und das „alte Märchen von der Besonderheit der russischen Seele“. Heute würden Patriarch Kyrill und Präsident Putin von der „russischen Welt“ sprechen, davon, dass die Rechte der Russen überall verteidigt werden müssen. Bei Vorträgen in Österreich meinte Turiy, das vom früheren US-Präsidenten Ronald Reagan so klassifizierte „Reich des Bösen“ (gemeint war damals die Sowjetunion) „lag ein Jahrzehnt im Koma, aber es starb nie“. Die heutigen politischen Führer Russlands seien die legitimen Nachfahren der sowjetischen Diktatoren.

Anspielend auf Putins Äußerung, der Untergang der Sowjetunion sei die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts, meinte der griechisch-katholische Kirchenhistoriker in Graz: „Sie träumen von Rache. Ihre neue Ideologie ist das eurasische Imperium.“ Die „Eurasische Union“, die Russland jüngst mit Weißrussland und Kasachstan gründete, sei ein vom Kreml entwickeltes Projekt, das anstelle der untergegangenen Sowjetunion die Herrschaft Moskaus über die Nachbarstaaten ausdehne. Hier mische sich der russische Nationalismus mit orthodoxem Imperialismus. Die russisch-orthodoxe Kirche mit Patriarch Kyrill an der Spitze folge der „imperialistischen russischen Ideologie“, meint der Kirchenhistoriker. 80 Prozent der Bevölkerung in Russland würden die Politik Putins unterstützen, denn „in Russland fehlt die Freiheit und die Leute sind manipulierbar“. Historisch habe die russische Gesellschaft zu wenig Erfahrung mit der Demokratie. Turiy meinte aber auch: „Viele Russen haben Angst vor dieser Hass-Ideologie.“

Ganz anders sei da die Situation in der Ukraine: Die Maidan-Demonstrationen, die zum Sturz Janukowitschs führten, bezeichnete Turiy als „Revolution der Würde“ – gerichtet gegen ein korruptes und zunehmend autoritäres Regime. Der Maidan habe viel zur Versöhnung zwischen den traditionell zerstrittenen Konfessionen in der Ukraine beigetragen. Präsident Putin habe den Krieg gegen die Ukraine so schnell – eine Woche nach den Olympischen Spielen – begonnen, weil er befürchtet habe, dass der Maidan auch der Bevölkerung in Russland als Vorbild dienen könnte: „Putin wollte einen Maidan in Russland verhindert“, meint der ukrainische Wissenschaftler, der die Aufgabe der Ukraine nun auch darin sieht, mit dem russischen Volk in Kontakt zu bleiben, „damit sie sehen, wie wir hier leben und miteinander sprechen“. Auch unter der russischsprachigen und russischstämmigen Bevölkerung im Osten der Ukraine sei die Zustimmung zum Agieren der Separatisten viel geringer, als Putin gedacht habe, ist Turiy überzeugt: „Die meisten wollen nicht unter Putin leben!“