Homo inhumanus

Der britische Philosoph Thomas Hobbes (1588–1679) begründete seine Theorie der Staatsgründung einst mit der These vom „bellum omnium contra omnes“. Im Naturzustand habe ein „Krieg aller gegen alle“ geherrscht. Weil sich der Mensch seinen Mitmenschen gegenüber wie ein Wolf verhalten habe, hätten die Menschen, um sich voreinander zu schützen – aus nackter Angst und purem Überlebenswillen also – einen Gesellschaftsvertrag geschlossen. Aus diesem sei schließlich der Staat hervorgegangen. Dass der stets von Menschen geführte Staat jedoch keineswegs zuverlässig zur „Entwilderung des Menschen“ (Sloterdijk) beiträgt, sondern auch in der Lage ist, seine „Verwilderung“ zu befördern, hat der Lauf der Menschheitsgeschichte mehrfach gezeigt. In dieser Woche hat nun ausgerechnet die Heimat des britischen Empiristen dies erneut unter Beweis gestellt.

Mit großer Mehrheit hat das britische Parlament mehrere Passagen eines neuen Fortpflanzungsmedizingesetzes verabschiedet, das Anfang 2009 in Kraft treten soll. Nach dem Willen der britischen Parlamentarier wird dann auch die auf der Insel bereits praktizierte Schaffung sogenannter Chimären legal sein. Mit den aus der griechischen Mythologie bekannten Fabelwesen – halb Mensch, halb Tier – haben diese Chimären jedoch genauso wenig gemein wie ein als „Rindvieh“ verunglimpfter Mensch mit der Gattung der Hornträger. Denn die als „Mensch-Tier-Mischwesen“ oder auch als „cytoplasmische Hybride“ etikettierten, im Labor erzeugten Chimären, aus denen Wissenschaftler embryonale Stammzellen für die Forschung gewinnen wollen, sind in Wahrheit menschliche Klone. Klone, deren DNA zu 99,9 Prozent aus dem Erbgut bereits geborener Menschen und nur zu 0,1 Prozent aus tierischem Erbgut besteht.

Und nicht einmal das ist gewollt, sondern bloß den Umständen geschuldet: Weil das Klonen überhaupt nicht funktioniert, wenn die Eizelle, in die das Erbgut des zu kopierenden Individuums eingebracht werden soll, restlos entkernt wird, muss für eine fachgerechte Herstellung eines Klons die sogenannte Mitochondrien-DNA der Eizelle erhalten bleiben. Und weil die Eizellen von jungen, gesunden Frauen in Großbritannien – wie andernorts – sowohl rar als auch teuer sind, bedienen sich die Wissenschaftler statt bei Frauen nun bei Kühen.

Für den moralischen Status der Wesen, die auf diese Weise erzeugt werden, ist das völlig unerheblich. Weder der geringe Anteil tierischen Ausgangsmaterials noch das Verfahren, mit dem sie ins Leben gerufen werden, ändern daran etwas. Ein genetisch manipulierter menschlicher Embryo ist ein genetisch manipulierter Mensch im Frühstadium seiner Entwicklung – und nichts anderes. Wer daran Zweifel hegt, braucht nur zu fragen, ob einem Menschen, dem man in Ermangelung eines geeigneten Organs eine Schweine-Niere transplantierte, dadurch zu einem Mischwesen würde und anschließend einen anderen moralischen Status besäße als vor einer solchen Xenotransplantation?

Da die korrekte Antwort auf diese Frage zweifellos „Nein“ lautet, bedeutet dies: In Großbritannien erlaubt demnächst ein Gesetz, manipulierte Menschen für die Forschungsvorhaben zu erzeugen, die, so sieht es das Gesetz weiter vor, nach 14 Tagen getötet werden müssen. Auf diese Weise soll – was für eine Farce – ein Missbrauch der Klontechnik ausgeschlossen werden.

Die Zeugung von Wesen, die einem anderen Zweck als ihrer nackten Existenz dient, nennt man bekanntlich Züchtung. Dass Großbritannien demnach in die Menschenzüchtung eingestiegen ist, beweist auch, dass das jetzt beschlossene Gesetz ferner erlaubt, menschliche Embryonen zu erzeugen und zu selektieren, die nach der Geburt als Zellspender für ein krankes Geschwisterkind dienen sollen. Wem die dazu notwendige genetische Ausstattung fehlt, darf – weil er den ihm zugedachten Lebenszweck nicht erfüllen kann – künftig legal aussortiert und getötet werden.

Schlimmer noch als das ist jedoch die Tatsache, dass das Gesetz „nur“ das legalisiert, was derzeit technisch möglich ist. 2001 in Kraft gesetzt, wurde es jetzt den gewachsenen Möglichkeiten der Wissenschaft angepasst und entsprechend aktualisiert. Setzt sich dieser Trend weiter fort, dann nimmt sich der Blick in die Zukunft alles andere als ermunternd aus. Schon jetzt diskutieren Wissenschaftler, ob die „cytoplasmischen Hybride“ nicht auch als Organspender in Frage kämen. Das ist zumindest folgerichtig. Moralisch betrachtet macht es keinen großen Unterschied, zu welchem Zeitpunkt ein wie auch immer etikettierter Mensch als Rohstofflieferant ausgeschlachtet wird.

Und niemand braucht glauben, Deutschland, dessen Parlament nicht die Kraft besaß, jenen zu wehren, die von der Tötung verwaister menschlicher Embryonen profitieren wollen, bliebe davon verschont. Es gibt keinen Zweifel: Wer nüchtern die Gesetze betrachtet, mit denen Staaten die Abtreibung, die Euthanasie, die Reproduktions- und die Regenerative Medizin regeln, muss zum Ergebnis kommen, dass der Mensch auf dem staatlich planierten Weg zum „homo inhumanus“ ist.