Hollande amüsiert sich über „Zahnlose“

Das Buch seiner Ex-Geliebten zerstört die Reste der Glaubwürdigkeit von Frankreichs Präsident und stürzt die politische Klasse in eine Krise. Von Jürgen Liminski

Auch auf dem NATO-Gipfel in Wales interessiert sich Frankreichs Präsident Hollande für Nachrichten aus seiner Heimat. Foto: dpa
Auch auf dem NATO-Gipfel in Wales interessiert sich Frankreichs Präsident Hollande für Nachrichten aus seiner Heimat. Foto: dpa

Merci pour ce moment“ – dieses Buch ist mehr als der Racheakt einer verletzten Dame. Das „Danke für diesen Moment“ aus der Feder von Valerie Trierweiler, der ehemaligen Lebensgefährtin von François Hollande, könnte der Todesstoß für den französischen Präsidenten sein.

Nicht weil hier eine fast vergessene Affaire wie ein Vulkan erneut ausbricht und einmal mehr der republikanische Monarch mit seinen Maitressen im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht. Es sind die politischen Inhalte, nicht die privat-pikanten Szenen, die François Hollande an den Pranger einer Öffentlichkeit stellen, die sich anschickt, in einen heißen Herbst zu stolpern. Die 320 Seiten, in größter Geheimhaltung geschrieben und vorsichtshalber in Deutschland gedruckt, zeigen Hollande als einen Menschen, dem von A bis Z nicht zu trauen ist. Es ist ein Stoß in die letzten Reste seiner Glaubwürdigkeit.

Mit 16 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung sind diese Reste sehr überschaubar. Jetzt könnte Hollande sogar unter die zehn Prozent sinken. Das umso mehr, als eine noch diskret gehandelte Umfrage seine Chancen bei einer erneuten Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen als minimal beurteilt. Demnach käme er noch nicht einmal in die Stichwahl, weil mindestens drei Kandidaten der bürgerlichen und rechten Parteien im ersten Wahlgang mehr Stimmen auf sich vereinigen würden als er. An der Spitze stünde die Chefin des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, danach käme Sarkozy und danach noch Alain Juppé. Hollande stünde mit dem ebenfalls bürgerlichen Politiker Fillon an vierter Stelle, die Präsidentschaft würde rechts von der Mitte entschieden. Damit fallen alle persönlichen Kalküle und Hoffnungen Hollandes wie ein Kartenhaus zusammen. Bleibt es bei diesen Umfragewerten, dann sind Hollandes Tage im Élysée gezählt und es ist noch nicht einmal sicher, ob er sein Mandat bis zum Ende durchtragen kann.

Denn seine politische Bilanz ist ein Dokument des Scheiterns. Seit seinem Amtsantritt hat sich die Zahl der Arbeitslosen um mehr als eine halbe Million erhöht, ist das Haushaltsdefizit auf über vier Prozent gestiegen, steigt die Zahl der Firmenpleiten unaufhörlich, wächst die Kriminalität und die Unsicherheit im Land, sinkt der Einfluss Frankreichs in Europa und in der Welt, weil auch im Ausland kaum jemand diesem Politiker noch etwas zutraut. Er aber ist es, der im präsidialen System Frankreichs die Geschicke des Landes in der Hand hält. Und jetzt gelingt es ihm noch nicht einmal, seine privaten Angelegenheiten im Griff zu halten, geschweige denn in Ordnung zu bringen.

Sicher, seine sechs Vorgänger in der Fünften Republik waren bis auf die ersten zwei Präsidenten, Charles de Gaulle und Georges Pompidou, auch skandalumwittert. Hollandes großes Vorbild, François Mitterrand, führte im Élysée sogar ein Doppelleben mit zwei Frauen und Familien. Offenbar wurde es erst nach seinem Tod. Auch sein unmittelbarer Vorgänger, Nicolas Sarkozy, hatte schon während seiner ersten Ehe eine Affäre mit seiner späteren Frau Carla Bruni, die er aber immerhin heiratete. Seine erste Frau, Cecilia, veröffentlichte übrigens auch ein Buch über ihr Leben mit Nicolas. Der Titel, „Une envie de verité“ – Lust auf Wahrheit, erreichte eine Auflage von knapp 60 000 Exemplaren, was schon beachtlich ist. Für das Dankeschön von Madame Trierweiler liegen 200 000 Exemplare in den Schaufenstern und der Hype in den Medien ist enorm.

Ohne Silberstreifen wird der Volkszorn überkochen

Die Aufregung ist in der Tat gewaltig. Manche trösten sich mit Montesquieu: In einer Republik ohne Lärm herrscht Unfreiheit. Aber das Volk hätte sich schon eine andere Form des Lärms in der Politik gewünscht. Auf der Rechten ist in den Parteizentralen das homerische Gelächter nicht zu überhören, nach außen freilich zeigt man sich politisch korrekt betroffen und empört, man wähnt das Amt des Präsidenten in Gefahr und Misskredit. Auf der Linken dominieren schlicht Wut, Heulen und Zähneknirschen. Die moralische Autorität der linken Gutmenschen zerbröselt. Der ohnehin schon durch die Krise und etliche Affären angekratzte Nationalstolz ist lädiert. Die Volksseele köchelt hoch. Geschrei und Lärm werden noch etwas andauern. Das Ansehen der politischen Klasse wird weiter abrutschen. Schulden und Arbeitslosigkeit werden weiter steigen. Wenn nicht bald irgendwelche Silberstreifen für die wirtschaftliche Situation sichtbar werden, wird der Volkszorn überkochen. Und von diesem Zorn können auch Signale für Europa ausgehen.

Aber selbst bei Silberstreifen, die im Moment nicht auszumachen sind, dürfte Hollande sich von diesem Schlag nicht mehr erholen. Er hatte gehofft, dass „Valerie“ nach dem offiziellen von ihm selbst verkündeten Ende am 25. Januar stillhalten, allenfalls ein Buch über ihre diplomatischen und menschlichen Erfahrungen als „Premiere Dame“ schreiben würde. Aber die ehemalige Journalistin schrieb einen Tatsachenbericht über alles und zeichnet von dem Hausherrn im Élysée ein vernichtendes Porträt. Vor allem die letzte verbliebene gute Eigenschaft des Präsidenten wird geradezu atomisiert. Hollande als netter Kerl, als ehrliche Haut, als einer, der es gut meint mit den einfachen Leuten, der ein Herz hat für die Armen – alles zynisches Theater.

„Er präsentiert sich als ein Mensch, der die Reichen nicht mag. In Wirklichkeit mag er die Armen nicht“, schreibt Frau Trierweiler aus ihrer Erinnerung und zitiert dann: „Er, Mann der Linken, nennt die Armen hinter vorgehaltener Hand ,die Zahnlosen‘ und ist auch noch ganz stolz auf seinen schwarzen Humor.“ Dramatisch der Moment, da Hollande ihr eröffnet, dass er sich wegen der neuen Liebschaft, die in den Medien schon die Runde mache, von ihr trennen will: „Ich breche zusammen, ich kann es nicht begreifen. Ich greife nach dem kleinen Plastikbeutel mit den Schlaftabletten. François war mir nachgekommen und versucht, den Beutel wegzunehmen. Ich laufe in mein Schlafzimmer, François schnappt nach dem Beutel, der zerreißt. Die Tabletten werden auf Bett und Boden zerstreut. Ich raffe zusammen, was ich erreichen kann und schlucke, was geht. Ich will schlafen, will die Stunden, die nun kommen, nicht erleben. Dann verliere ich das Bewusstsein.“ Kurz darauf wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert, vermutlich zu einer Magenspülung. Es folgt die Reha und dann die große Stille. In dieser Zeit schreibt Hollande ihr zahllose SMS, beteuert seine Liebe zu ihr, tue so, als sei sie alles für ihn. Heuchelei? Zynismus? Kalkül?

Man kann davon ausgehen, dass bei den nächsten Demonstrationen Bilder von Zahnlosen auf Plakaten durch die Straßen getragen werden. Man wird an die legendären Worte der Königin zur Zeit der großen Revolution erinnern: „Warum dieser Lärm? Die Leute haben kein Brot mehr? Dann sollen sie doch Kuchen essen!“ Der Ärger und Lärm wird auf die politische Klasse überschlagen. De Gaulle war der Meinung, die Regierenden sollten von einer Art Geheimnis umgeben sein, um Distanz zu wahren gegenüber dem Volk und so das Gemeinwohl immer im Auge zu behalten. Heute versuchen viele Politiker, diese Distanz zu verringern, sich und ihre Familie politisch zu vermarkten. Hollande wollte immer „ein normaler Mensch, ein Präsident zum Anfassen“ sein. Jetzt dürften sich manche normale Menschen vor ihm ekeln. Sein Zynismus und seine Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen wird den Zorn im Volk auf die politische Klasse anstacheln. Ein gefährlicher Moment, dank Madame.