Historische Katastrophe

Neue „Arbeitshilfe Irak“ der Deutschen Bischofskonferenz vorgestellt. Von Michael Leh

Erzbischof Ludwig Schick und Caritas-Präsident Prälat Peter Neher. Foto: Michael Leh
Erzbischof Ludwig Schick und Caritas-Präsident Prälat Peter Neher. Foto: Michael Leh

Eine neue „Arbeitshilfe Irak“ haben der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick und der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Prälat Peter Neher, in der Katholischen Akademie in Berlin vorgestellt. Der 20-seitige bebilderte Prospekt enthält wichtige Grundinformationen über die Lage der Christen im Irak. Erzbischof Schick, der Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) ist, wünscht der neuen „Arbeitshilfe“ weite Verbreitung. Wie er erklärte, kann sie über das Sekretariat der Bischofskonferenz auch als PDF bezogen werden (www.dbk.de) und wird an Pfarreien und weitere Multiplikatoren ausgeliefert. „Je mehr Menschen etwas wissen, desto mehr interessieren sie sich“, so Schick. Die Broschüre schildert prägnant die historische Entwicklung des Christentums im Irak. Ein Kapitel gilt dem Terrorismus der letzten zehn Jahre in dem Zweistromland, gipfelnd im Wüten des „Islamischen Staates“ (IS). Das Heft thematisiert auch die autonome Region Kurdistan als Zufluchtsort für die Christen. Es enthält ein Interview mit dem Patriarchen der chaldäisch-katholischen Kirche, Louis Raphael Sako, sowie einen Bericht des Erzbischofs von Mossul, Emil Shimoun Nona. Eine Tabelle verzeichnet für den Irak 278 000 Katholiken, 94 Pfarreien, 86 Diözesanpriester, 30 Ordenspriester, 330 Ordensschwestern und 48 Ordensbrüder.

Die aktuelle Lage im Irak bezeichnete Schick als „Katastrophe historischen Ausmaßes“. Irak und Syrien gehörten zu den „urchristlichen Territorien“. „Das Christentum ist in den Irak, nach Syrien und Ägypten unmittelbar nach Tod und Auferstehung Jesu gekommen.“ Jetzt bestehe die Gefahr, dass es im Irak aussterbe. Obwohl die Christen zur Urbevölkerung gehörten, würden sie „einfach als westlich infiltriert und nicht dazugehörig betrachtet“. Sie seien „zwischen die Mühlsteine der Religionen und Nationen“ geraten. „Die Bischöfe dort und alle, die Verantwortung tragen“, wollten, dass die Christen im Lande blieben. Christen erwiesen sich auch in muslimischen Ländern immer wieder als „eine Art Ferment, das für eine menschenfreundliche, hilfsbereite, humane Gesellschaft“ wirke – auch mit Bildungseinrichtungen und dem Dienst in der Gesundheitsfürsorge. Ihr Verbleib im Irak setze jedoch Frieden und Lebensmöglichkeiten voraus.

Zwischen 2003 und 2013 habe bereits über die Hälfte der ursprünglich 1,2 Millionen Christen vor allem wegen der Sicherheitslage den Irak verlassen. Im Juni habe der IS mit seiner Blitzoffensive gegen die Millionenstadt Mossul und die Ninive-Ebene eine quasi „christenfreie Zone“ geschaffen. Die Gegend habe bislang als Kerngebiet der christlichen Bevölkerung gegolten. Christliche Dörfer wie Karakosh, Al Qosh oder Bartille seien von den Terrormilizen überrannt und der Bischofssitz in Mossul zum Hauptquartier des IS in der Region umfunktioniert worden. Kirchen und Klöster seien entweiht und beschädigt worden, einige würden sogar als Gefängnisse benutzt, erklärte Schick. Die Christen seien mit Zwangsislamisierung – „und zwar zum Islam des IS“ – oder Tod bedroht worden. Über 120 000 flohen, die meisten in die autonome Region Kurdistan.

Caritas-Präsident Neher erklärte, die Flüchtlinge hausten in überfüllten Lagern oder müssten sich Plätze in besetzten Hausruinen erstreiten. Viele mieteten in ihrer Not überteuerte Schlafplätze in leer stehenden Ladengeschäften oder Fabrikgebäuden. „Garagen, Baracken, Moscheen, Kirchen – jeder Platz wird genutzt, um notdürftig Unterschlupf zu finden.“ Die Caritas sei an vielen Standorten präsent. Allein im Irak habe man seit August 13 000 Hilfsgüterpakete verteilt. Jetzt mache die Kälte den Menschen am meisten zu schaffen. Dringend würde eine große Zahl Decken benötigt, warme Kleidung, Heizöfen und Brennstoff. Die meisten Menschen im Irak seien im Sommer bei 45 Grad geflohen. „Drei Monate später müssen viele Kinder in diesen Tagen barfuß oder in Sandalen über den von Regen und Schnee aufgeweichten eiskalten Boden laufen“, so Neher. Jetzt müssten dringend die behelfsmäßigen Notunterkünfte winterfest gemacht werden. Am 26. Dezember, dem „Gebetstag für verfolgte und bedrängte Christen“, wird die Kirche in Deutschland besonders an die Not der irakischen Christen erinnern.

Im Juni wurde das Aufnahmekontingent für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge auf 20 000 Personen erweitert. Wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auf Anfrage der „Tagespost“ mitteilte, sind von den 15 000 Personen aus dem Kontingent, die schon eine Aufnahmezusage erhielten (11 000 von ihnen sind bereits in Deutschland), 70 Prozent Muslime und 27 Prozent Christen. 2013 waren laut BAMF von insgesamt 3 958 Asyl-Erstantragstellern aus dem Irak 18,4 Prozent Muslime (728), 19,4 Prozent Christen (753) und 57,6 Prozent Yeziden (2 281). Von 11 851 Asyl-Erstantragstellern aus Syrien waren im Jahr 2013 66 Prozent Muslime (7 825 Personen), 13,4 Prozent Christen (1 590) und 17,3 Prozent Yeziden (2 050). Die Angaben zur Religionszugehörigkeit erfolgen freiwillig.