„Heute spielt die pastorale Dimension eine stärkere Rolle“

Solange es Armut gibt, wird es die Theologie der Befreiung geben, ist Kardinal Oscar Rodríguez Maradiaga überzeugt

Es ist gut vierzig Jahre her, dass in der lateinamerikanischen Kirche die „Theologie der Befreiung“ entstand. Ihre Wurzeln hat sie in den Basisgemeinden Lateinamerikas; von dort breitete sie sich nach Südafrika und Asien aus. Welche Bedeutung hat sie heute noch in der Kirche Lateinamerikas? Anja Kordik sprach mit dem Erzbischof von Tegucigalpa, Kardinal Oscar Rodríguez Maradiaga. Seit dem Sommer 2007 ist er auch Präsident von Caritas International.

Schon vor zehn Jahren hörte man immer wieder die These, dass diese Theologie der Befreiung eigentlich „tot“ sei ...

Ich möchte ein Zitat des peruanischen Theologen und Begründers der Befreiungstheologie, Gustavo Gutierrez, aufgreifen. Er sagte einmal: „Wenn die Befreiungstheologie tot ist, ladet mich doch zu ihrer Beerdigung ein!“ Der Kern der Theologie der Befreiung ist und bleibt die vorrangige „Option für die Armen“, wie sie im vergangenen Jahr erneut im Schlussdokument von Aparecida betont wurde. Und solange die Armut auf unserem Kontinent nicht überwunden ist, wird es in der Kirche Lateinamerikas die Theologie der Befreiung geben.

Wie hat sich die Befreiungstheologie in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt?

Ich glaube, dass in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie heute die pastorale Dimension im Vergleich zur politischen eine stärkere Rolle spielt. Es gibt eine umfassende „Pastoral der Befreiung“, die sich vor allem in den kirchlichen Basisgemeinden entwickelt hat: Dabei geht es darum, das Wort Gottes umfassend, in allen Bereichen des Alltags, zu leben und zu verkünden. Daneben versuchen wir weiterhin in der Kirche Lateinamerikas, die Elemente der christlichen Soziallehre in Politik und Wirtschaft zum Tragen zu bringen. Dazu gehört etwa die stärkere Förderung und Ausbildung katholischer Laien, damit diese in die Lage versetzt werden, verantwortliche Positionen in der Politik zu übernehmen.

Welche Bedeutung haben heute die Basisgemeinden in der Kirche Lateinamerikas?

Da die Pfarrgemeinden in den Ländern unseres Kontinents flächenmäßig zu groß sind und es nicht genügend Priester gibt, um ihnen die notwendige seelsorgliche Aufmerksamkeit zu widmen, ist es sehr sinnvoll, wenn sich innerhalb dieser Gemeinden kleinere Gemeinschaften bilden. In diesen Gemeinschaften fühlen sich Menschen als Personen wahrgenommen und angenommen. Hier erfahren sie unmittelbar ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Kirche. Sie erleben, dass sie als Menschen wirklich mit Namen angesprochen und nicht als Teil einer breiten Masse behandelt werden. Wesentlich ist: Innerhalb dieser Basisgemeinschaften hat jeder eine besondere Aufgabe zu erfüllen; jeder hat einen bestimmten Dienst. Es ist eine sehr menschliche und schöne Form der Pastoral, die sich bei uns bewährt hat.

Welchen Einfluss haben diese kleinen Gemeinschaften auf die Kirche insgesamt? Prägen sie auch die Zivilgesellschaft?

Die Menschen in den Basisgemeinschaften fühlen sich vor allem als Missionare. Sie werden aber auch zu gesellschaftlichen Multiplikatoren, zu Akteuren im Prozess gesellschaftspolitischer Veränderungen. Denn in den Basisgemeinden erfahren sie eine zivilgesellschaftliche Reifung, die sie befähigt, politische Entwicklungen kritisch zu begleiten und zu erkennen, dass es nicht darum geht, einer bestimmten Partei oder Ideologie zu folgen, sondern dass unser Kontinent umfassende Reformen braucht.