"Herz und Hirn öffnen"

In Österreichs Parlament wird das überkonfessionelle Gebetsfrühstück zur Tradition. Von Stephan Baier

Sitzung Nationalrat in Österreich
Üblicherweise wird in Österreichs Parlament mehr debattiert als gebetet. Am Dienstag jedoch lud der Nationalratspräsident zum „Zweiten Nationalen Parlamentarischen Gebetsfrühstück“. Foto: dpa
Sitzung Nationalrat in Österreich
Üblicherweise wird in Österreichs Parlament mehr debattiert als gebetet. Am Dienstag jedoch lud der Nationalratspräsiden... Foto: dpa

Zur beeindruckenden Glaubensmanifestation wuchs das „Zweite Nationale Parlamentarische Gebetsfrühstück“ im österreichischen Parlament am Dienstag. Im Dachfoyer des parlamentarischen Ausweichquartiers in der Wiener Hofburg – das Parlamentsgebäude selbst wird derzeit modernisiert – konnte ÖVP-Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler als Organisatorin des Gebetstreffens nicht nur Kardinal Christoph Schönborn und den Apostolischen Nuntius in Österreich, Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen, begrüßen, sondern Vertreter von drei Religionen sowie von mehr als zehn christlichen Konfessionen. Hochrangig und in großer Zahl war die in Österreich gut verankerte Orthodoxie vertreten. Unter den ausländischen Gästen aus insgesamt 25 verschiedenen Ländern waren die Weitestgereisten aus Äthiopien und Thailand.

Das internationale und überkonfessionelle Flair des Gebetsfrühstücks hatte – trotz des schlicht mit Wasserkaraffen gedeckten „Ramadan“-Tischs für die muslimischen Gäste – einen klar christlichen Charakter. Da schwärmte Parlamentspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) von der Basilika auf dem Sonntagberg, die der Dreifaltigkeit, „also Gott selbst“, gewidmet ist. Da las der Wiener Kardinal aus dem Markus-Evangelium. Da erinnerte der ungarische Politiker und kalvinistische Pastor Zoltán Balog daran, dass es „eine Person gibt, die uns zusammenführt und vereint, uns die Kraft zum Guten gibt“.

Anders als im Vorjahr, als Gudrun Kugler und ihre Freunde aus ÖVP und FPÖ das Gebetsfrühstück noch gegen Widerstände durchführten, hatte das überparteiliche Beten diesmal einen eindeutig offiziellen Charakter. Der Präsident des Nationalrates, Wolfgang Sobotka, eröffnete es mit einem Gebet, in dem er den Allmächtigen für die Politiker um die Kraft bat, „den Menschen mit Hingabe zu dienen“, und appellierte, „unser ganzes Verhalten soll Frieden stiften“. Viele Menschen seien durch den Glauben beeinflusst und motiviert. „Nicht alles liegt in Menschenhand“, so Sobotka, der über Demut, Teilen und „die tiefe Zufriedenheit, etwas für die Menschen zu tun“ sprach. Der Parlamentspräsident deutete auch schon an, dass das aus amerikanischer Tradition übernommene Gebetsfrühstück in Wien heimisch werden soll: „Einmal ist kein Mal, zweimal ist Zufall und dreimal ist Tradition!“

Der langjährige ÖVP-Abgeordnete Josef Höchtl erlebte das US-amerikanische „National Prayer Breakfast“ bereits 1981 in Washington. Es nach Österreich zu bringen, sei schwer gewesen: „In Mitteleuropa betet man in der Familie und in der Kirche, aber sonst nicht in der Öffentlichkeit.“ Die Erinnerung an Jesus gebe Kraft, setze etwas in Bewegung und sei geeignet, Herz und Hirn zu öffnen, sagte Höchtl.

Tatsächlich spielte beim Gebetsfrühstück Parteipolitik keinerlei Rolle. Alle Anwesenden, ungeachtet der eigenen Religionszugehörigkeit, erhoben sich zum Gebet, zur Lesung und zu den Fürbitten von ihren Plätzen. Kardinal Christoph Schönborn warnte, es gebe in allen Religionen, auch im Christentum, die „Gefahr, zwischen ,denen‘ und ,uns‘ zu unterscheiden“. Diese Differenzierung zwischen „wir“ und „die anderen“ sei eine „Urversuchung in allen Religionen“. Markus 10,28 ff legte der Kardinal so aus, dass es sich lohne, Jesus nachzufolgen um des Evangeliums willen. Dies sei immer wieder mit Verfolgung verbunden, wie die Realität in dieser Zeit weltweit zeige. Schönborn erinnerte zugleich daran, dass Christen über Jahrhunderte „sich gegenseitig und auch andere verfolgt haben, ganz besonders unsere älteren Brüder, das jüdische Volk“.

Der Wiener Burgschauspieler Peter Matiæ, bekannt aufgrund eigener Rollen sowie als deutsche Synchronstimme des britischen Schauspielers Ben Kingsley, meinte, die täglichen Nachrichten seien so, „dass wir an Gottes Barmherzigkeit zweifeln könnten, hätten wir nicht den Glauben“. Dankbar dürfe sein, wer seinen Glauben frei leben und bekennen könne, zugleich aber mit „großem Respekt vor jenen, die ihren Glauben unter Gefahr leben“. 366 Mal stehe in der Heiligen Schrift „Fürchtet euch nicht“, so Matiæ. „Fürchten wir uns nicht, durch das Gebet in Kontakt mit Gott zu kommen.“ Das tägliche Gebet – bittend und dankend – gebe „jedem unserer Tage eine Struktur“.

Die langjährige Salzburger Landesrätin und Sozialpionierin Doraja Eberle, die mit ihrer Aktion „Bauern helfen Bauern“ 1 261 Häuser für mehr als 11 000 Kriegsheimkehrer in Bosnien baute, mahnte: „Rede nicht von Gott, wenn du nicht gefragt wirst, aber lebe so, dass Gott erfahrbar wird.“ Niemand habe Gaben nur für sich selbst bekommen. Jeder Mensch habe unabhängig von seiner Konfession eine Mission von Gott. „Geben hat mich bis zum heutigen Tag nicht ärmer gemacht“, sagte Eberle, die nach einer Einladung von Mutter Teresa 1988 in Indien zwei Kinder adoptierte und für ein weiteres fremdes Kind die Verantwortung übernahm, um es vor der drohenden Abtreibung zu bewahren.

„Der Glaube an Jesus gibt Kraft und Erneuerung“, sagte der ungarische Politiker Zoltán Balog, der bis vor zwei Wochen Minister seines Landes für Humanressourcen war. „Lasst uns die Flügel ausbreiten, die uns der Glaube gibt!“ Dieser Appell gab die Atmosphäre beim Gebetsfrühstück im österreichischen Parlament gut wieder.