Held, Antiheld, Feind

Wie an Purim der „Soldat“ zum Sinnbild innerisraelischer Spaltungen wird. Von Andrea Krogmann

Stein des Anstoßes sichergestellt: Eine Plastikpuppe in Uniform. Foto: Andrea Krogmann
Stein des Anstoßes sichergestellt: Eine Plastikpuppe in Uniform. Foto: Andrea Krogmann

Soldaten im Bus, in der Straßenbahn, an Sehenswürdigkeiten und heiligen Stätten: Die sichtbare Dauerpräsenz des israelischen Militärs ist vor allem für viele Erstbesucher im Heiligen Land eine zwiespältige Erfahrung. Dem einen signalisiert sie Sicherheit, während sie anderen den fehlenden Frieden mit den palästinensischen Nachbarn unübersehbar vor Augen führt. An Purim, der karneval-ähnlich gefeierten Rettung der persischen Juden durch Königin Ester, kristallisierten sich am Soldaten – ob in echt, kostümiert oder als Figur – auch die Spaltungen innerhalb der israelischen Gesellschaft.

Hebron. Unter die Prinzessinnen, Königinnen Ester und persischen Herrscher hat sich in diesem Jahr auch so manch ein Elor Azaria gemischt: Der Soldat, der im März 2016 in Hebron einen bereits am Boden liegenden palästinensischen Angreifer erschoss, ist für viele im Land der Held, dem Unrecht widerfahren ist. 18 Monate soll „unser aller Sohn“, wie seine Anhänger den Todesschützen Azaria kurzerhand vereinnahmten, wegen Totschlags hinter Gitter. Im Vorfeld des Fests hatte einer der Unterstützer des Soldaten, Ran Karmi Buzaglo, einen Wettbewerb für das beste „Elor-Azaria-Kostüm“ ausgerufen – als „Statement“ für den Kämpfer. Und ein Statement war es ganz sicher für die palästinensischen Bewohner der geteilten Stadt Hebron im Süden der Palästinensergebiete ebenso wie an die israelische Politik.

Szenenwechsel. Im ultraorthodoxen Viertel Mea Schearim nordwestlich der Jerusalemer Altstadt sorgte ein anderer „Soldat“ für einen Massenauflauf: Radikale Antizionisten der „Edah HaCharedis“-Gruppe hatten die beinahe lebensgroße Soldatenpuppe an eine Stromleitung „gehenkt“. Es sind die gleichen Kräfte, die ultraorthodoxe Soldaten angreifen und wieder und wieder in den letzten Jahren gegen den Wehrdienst von strengreligiösen Juden Stimmung machten. Die feiernde Menge wohnte nun mit einer Mischung aus beißendem Spott, Hassparolen und wachsender Aggressivität dem Schauspiel ihrer Abnahme bei.

Zwei Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr und ein gutes Dutzend Polizisten waren ausgerückt. Mit jeder Minute und jedem gescheiterten Versuch, die Soldatenfigur aus dem Blickfeld der Masse zu ziehen, wuchs der Hohn. In dem langwierigen Einsatz, der die beteiligten Sicherheitskräfte nicht im besten Licht erscheinen ließ, wurde der Soldat als Symbol für den verhassten Staat zum Antihelden. In einem ungewöhnlichen Schritt erlaubt Oberstaatsanwalt Avichai Mandelblit der Polizei eine Untersuchung gegen „Edah HaCharedis“. Absurd scheinen die Ausmaße des Spektakels angesichts einer Plastikpuppe in luftiger Höhe. „Eine Puppe bringt den Staat Israel an seine Grenzen“, lästerten die Schaulustigen. „Als hätten wir keine anderen Probleme!“ Doch hinter der bizarren Fassade stecken die Ängste beider Seiten: Die Ultraorthodoxen verlieren in ihrer jüngeren Generation an Terrain, fürchten sich vor dem Einfluss von Staat und Armee auf ihre traditionelle Lebensweise. Noch haben die strengreligiösen Führer das Sagen in ihrer Gemeinschaft – ein Staat im Staat, in dessen Furcht Israel von Zeit zu Zeit besonders hart durchgreift.

Zurück im Westjordanland: Für die Palästinenser endete Purim in diesem Jahr bereits am Checkpoint. Im zweiten Jahr in Folge setzte die israelische Armee Purim den hohen jüdischen Feiertagen Pessach oder Jom Kippur gleich und riegelte die Palästinensergebiete für vier Tage komplett ab. Zehntausenden von Palästinensern mit Arbeitserlaubnissen in Israel wurde so der Zugang zu ihrer Arbeit verwehrt. Paradigmatisch scheint es angesichts dieser militärischen Obermacht Israels, dass die Ohnmacht der palästinensischen Minderheit im Land sich erneut in Gewalt entlädt: Am Löwentor zur Jerusalemer Altstadt griff am Morgen ein junger Palästinenser zwei Grenzschützer mit einem Messer an. Er verletzte sie leicht bis mittelschwer – und starb durch die Kugeln des verhassten Feindes.

Der Soldat: Aus dem öffentlichen Bild Israels ist er nicht wegzudenken, ebenso wenig aus dem Kern der israelischen Gesellschaft und ihren kollektiven Äußerungen. Ob er für den einzelnen Betrachter dabei Held, Antiheld oder Feind ist, markiert eine der vielen Zersplitterungen in dem alles andere als homogenen Land.