Harte Fronten in Hongkong

Die Oppositionellen Ray Wong und Li Tung Sing sind in der Hafenmetropole vor dem Hohen Gerichtshof angeklagt. Von Michael Leh

Der Hongkonger Student und Aktivist Ray Wong. Foto: Michael Leh
Der Hongkonger Student und Aktivist Ray Wong. Foto: Michael Leh

Angst vor einer langjährigen Haftstrafe hat er nicht. „Ich bin bereit, mich für Hongkong zu opfern“, meint Ray Wong. Diese Radikalität und Entschlossenheit erstaunt. Der 24-jährige, knabenhaft wirkende Student engagiert sich in der Hongkonger Oppositionsgruppe „Indigenous“ (etwa: Die Einheimischen). Gemeinsam mit dem 25 Jahre alten Li Tung Sing und acht weiteren Personen ist er vor dem Hohen Gerichtshof in Hongkong angeklagt. Der Prozess soll am 15. Januar 2018 beginnen. Wie Wong und Li Tung Sing im Gespräch mit der „Tagespost“ in Berlin erklärten, lauten die Anklagepunkte „Anstiftung zu Unruhen“, „Beteiligung an Unruhen“ und „Teilnahme an einer ungenehmigten Versammlung“. Es geht um die auch als „Fischbällchen-Revolution“ bezeichneten Ausschreitungen im Hongkonger Stadtviertel Mong Kok auf der Halbinsel Kowloon im Februar 2016.

Die Polizei wollte damals zu Beginn des Chinesischen Neujahrsfestes gegen nicht lizenzierte Imbiss-Stände und Garküchen auf den Straßen des belebten Arbeiter- und Geschäftsviertels vorgehen. Fischbällchen gehören zu den traditionellen Gerichten, die auf dem Nachtmarkt verkauft werden. Früher wurden solche Verkaufsstände toleriert. Als die Pläne der Polizei bekannt wurden, erhob sich Widerstand. Bei einer Straßenschlacht wurden viele Polizisten und Protestierer verletzt. Es flogen auch Steine auf die Polizei. Diese ging mit Schlagstöcken und Pfefferspray vor. Ein Polizist feuerte zwei Warnschüsse in die Luft.

„Solche Nachtmärkte sind lokale Hongkonger Tradition. Ich war einer der Anführer bei der Mobilisierung der Leute zum Schutz der Straßenhändler“, räumte Wong gegenüber der „Tagespost“ ein. Auf die Frage, ob er oder Li Tung Sing sich an gewalttätigen Handlungen beteiligt hätten, erklärte Wong: „Wir haben keine Gewalt angewendet.“ Er selbst habe eine volle Ladung Pfefferspray von der Polizei ins Gesicht bekommen, worauf er gegangen sei. Später sei er jedoch verhaftet worden. Zwei Tage habe er auf einer Polizeistation verbringen müssen, bevor er auf Kaution freikam. Von ihm und anderen radikalen „Indigenous“-Mitstreitern wurden aber in Medien auch schon Äußerungen berichtet, wonach sie auch nicht friedliche Proteste für legitim hielten.

Den Angeklagten drohen mehrjährige Haftstrafen. Im August wurden bereits die drei international bekannten Studentenführer und Mitinitiatoren der Occupy Central-Demonstrationen von 2014, Joshua Wong, Nathan Law und Alex Chow, von einem Berufungsgericht zu Haftstrafen von sechs bis acht Monaten ohne Bewährung verurteilt.

Wie Wong und Li Tung Sing erklärten, können die Straftatbestände, wegen denen sie angeklagt werden, sehr weit ausgelegt werden. Mit der Aussetzung einer Strafe zur Bewährung sei auch bei ihnen nicht zu rechnen. Dass Wong jetzt nach Europa reisen konnte, sei nur durch Hinterlegung einer Kaution in Höhe von umgerechnet 25 000 Euro möglich gewesen, erklärte er. Auch war die Ausreise nur kurz befristet möglich. Wie beide Hongkonger erklärten, wollten sie in England und Deutschland über die Lage in der Sieben-Millionen-Metropole informieren und um Unterstützung für ihre politischen Ziele werben. „Wir kämpfen nicht nur für die Demokratie und Freiheit in Hongkong“, sagte Wong, „sondern auch für die Taiwans, der Tibeter, Südmongolen oder Uiguren.“

Was will die Gruppe „Indigenous“? Nach Angaben Wongs hat sie gerade mal 60 Mitglieder und 200 bis 300 weitere Unterstützer. Man setze sich für Freiheit, Demokratie und den Rechtsstaat ein. Warum hat Wong nach der „Regenschirm-Revolution“ 2014 mit „Indigenous“ eine eigene Organisation mitgegründet, warum hat man sich nicht einfach mit anderen Studentengruppen zusammengetan? „Unsere Beziehungen zu anderen Studentengruppen sind sehr gut“, erklärte er, „aber ein Unterschied ist, dass wir sehr unsere lokale Kultur und Identität betonen.“ Man wolle sich „nicht assimilieren und integrieren mit den Chinesen“, ergänzte Wong.

Für Li Tung Sing gehört zur eigenen Identität auch der Erhalt der traditionellen chinesischen Schrift mit den Langzeichen. Unter Mao hingegen wurde 1958 in der Volksrepublik eine vereinfachte chinesische Schrift eingeführt. Auch dürfe das in Hongkong gesprochene Kantonesisch nicht durch Mandarin verdrängt werden.

Wong betont, Hongkong dürfe nicht zu einer chinesischen Stadt wie andere in der Volksrepublik China werden. 2014 hätten die Hongkonger erkannt, dass die Formel „Ein Land, zwei Systeme“ ihre Freiheiten nicht genug schütze. Das „Basic Law“, das Grundgesetz der „Sonderverwaltungsregion“ Hongkong, das Autonomierechte gewährt, werde durch Peking kontrolliert. Peking wende alle Mittel an, um Oppositionsgruppen in Hongkong zu unterdrücken.

Wong verwies auf den Fall der fünf Hongkonger Verleger und Buchhändler, die Ende 2015 von chinesischen Agenten „gekidnappt“ worden seien und sich in China im Fernsehen öffentlich hätten entschuldigen müssen. Dabei seien die von ihnen verlegten chinakritischen Bücher in Hongkong legal gewesen. Der Buchhändler Lam Wing- Kee habe nach seiner Freilassung im Juni 2016 über seine Haft und die Verhöre in China berichtet. Auch die Pressefreiheit in Hongkong werde zunehmend eingeschränkt. Nach dem Kauf der „South China Morning Post“ durch den chinesischen Internet-Giganten Alibaba im Jahr 2015 verfolge das Blatt nicht mehr die frühere eigenständige Linie. Auch einer der größten Fernsehsender Hongkongs, TVB, sei immer pro-chinesischer geworden. Der Internetzugang sei noch frei, „wir können noch Google oder Facebook nutzen, was den Chinesen nicht erlaubt ist“, sagte Wong. Aber auch das könne vorbei sein, wenn Peking weiter die Freiheiten Hongkongs unterminiere.