Gutes Geld für schlechte Banken

Von Andreas Wodok

Irgendwann, denkt der gesunde Menschenverstand, irgendwann muss doch mal Schluss sein. Doch leider geht es weder um Menschen noch um Verstand. Es geht um das Überleben des Systems. Oder um Krieg, wie die britische Financial Times schreibt.

Die Rede ist von der amerikanischen Notenbank. Am vergangenen Mittwoch kündigte die Fed an, in den kommenden Monaten langlaufende US-Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere aufzukaufen. Indem sich die Fed diese Schrottanleihen ins Depot legt, übernimmt sie die Rolle einer „Bad Bank“ (schlechte Bank) und schleust noch einmal mehr als eine Billion gute Dollar in einen Markt, der diesen Namen längst nicht mehr verdient.

Nötig ist dieser Billionenschritt angeblich, weil die US-Leitzinsen ohnehin schon nahe Null liegen und die Notenbank deshalb praktisch keine andere Möglichkeit mehr hat, öffentliches Geld in den Kreditmarkt zu pumpen. Theoretisch kämen zwar auch weitere staatliche Rettungspakete für marode Banken und Versicherungen in Frage. Doch seit jene Banker, die das größte Kapitalverbrechen der Geschichte begangen haben, auch noch millionenschwere Boni kassieren, ist die öffentliche Empörung so groß, dass sich weitere Bailouts verbieten.

Mit ihrer letzten – und schärfsten – Waffe geht die Fed ein enorm hohes Risiko ein. Lag die Geldmenge der Zentralbank vor einem Jahr noch bei 800 Milliarden Dollar, steigt sie laut Berechnungen der Commerzbank nun auf mehr als 2,5 Billionen Dollar; andere Experten vermuten sogar, dass sich die Bilanzsumme der Fed auf schier unvorstellbare 4,5 Billionen Dollar erhöhen wird. Diese Geldschwemme ist deshalb so gefährlich, weil ihr realwirtschaftlich nichts, aber auch gar nichts gegenübersteht – die Fed wirft einfach ihre Notenpresse an.

Aus Sicht der Amerikaner scheint das nicht einmal die schlechteste Idee zu sein. Denn eine aufgeblähte Geldmenge führt zwar über kurz oder lang zu Inflation – im Fall der USA ist selbst eine Hyperinflation nicht mehr auszuschließen. Die massive Geldentwertung kommt aber ausgerechnet jenen zugute, die Geld nur in Form von Schulden haben – und davon gibt es in den USA mehr als genug: Private und öffentliche Sektoren zusammengenommen, summieren sich die Schulden der Amerikaner mittlerweile auf das Vierfache des Bruttoinlandsprodukts.

Dass die Gleichung mehr Inflation gleich weniger Schulden nicht aufgeht, liegt an den Nebenwirkungen dieser Strategie. Da sind zum einen die Gläubiger, allen voran China, das mehr US-Staatsanleihen besitzt als jedes andere Land; und natürlich fragen sich die Chinesen längst, was diese Papiere noch wert sind, wenn die USA Geld drucken als sei es Konfetti.

Zum anderen beschwört die fortgesetzte Inflationierung des Dollar einen lebensgefährlichen Teufelskreislauf herauf. Je mehr der Greenback an Wert verliert, desto unattraktiver werden die ohnehin dürftigen Renditen auf US-Staatsanleihen; das wiederum lässt Investoren massenhaft Papiere abstoßen und neue Käufer ausbleiben; spätestens dann müssen sich die Amerikaner ernsthaft fragen, ob und wie sie sich überhaupt noch refinanzieren können – und am Ende dieser Kette steht der Staatsbankrott.

Das klingt nicht nur apokalyptisch, es ist auch so: Das kleine Island ist de facto ebenso bankrott wie Kalifornien. Und wäre der „Goldene Staat“ an der Westküste eine eigenständige Nation, dann ginge es immerhin um die Pleite der achtgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Zwar behaupten Politiker und Ökonomen ebenso gern wie oft, es gebe keine Alternative, doch die Krankheit des Systems ausgerechnet mit ihrer Ursache zu bekämpfen, ist schon grotesk. Es war ja gerade die Politik des billigen Geldes, die es erst möglich gemacht hat, dass verantwortungslose Banker finanzielle „Massenvernichtungswaffen“ (Warren Buffet) konstruiert und verkauft haben – die Bush-Regierung und der ehemalige Fed-Chef Greenspan überfluteten das Land ab 2001 förmlich mit billigem Geld. Diese gewaltige Blase wird nun mit einer noch größeren Blase bekämpft.

Statt schlechtem Geld gutes Geld hinterher zu werfen, wäre genau das Gegenteil nötig: Über höhere Zinsen müsste die aufgeblähte Geldmenge reduziert werden – so steht es in den Lehrbüchern. Doch daraus wird wohl nichts. Denn zum einen würden steigende Zinsen auch die Staatsschulden drastisch erhöhen, zum anderen würden sie die ohnehin dahinsiechende Konjunktur zusätzlich schwächen – mit schier unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft.

Und was sagt der gesunde Menschenverstand zu all dem? Selbst für Laien ist es mittlerweile offensichtlich, dass es tatsächlich um das Überleben des Systems geht. Im Gegensatz zu manchen Experten ziehen die Normalbürger aber einen anderen Schluss daraus – nämlich den, dass das System todkrank ist und stirbt. Also braucht die Welt ein neues, und zwar eines, dass den Namen Marktwirtschaft auch verdient. Apropos Namen: Nomen est omen – ein System, das auf eine „Bad Bank“ setzt, führt sich selbst ad absurdum. Wie wär's denn mal mit einer „Good Bank“?