Glosse: Wir können uns gut riechen

Von Stephan Baier

Aus der Ferne riechen Länder interessanterweise ganz anders als aus der Nähe. Italien zum Beispiel riecht von ferne nach Meer, gegrillten Fischen, Sonne, Penne al arrabiata, Oregano und dezent nach etwas Knoblauch. Erst aus der Nähe riecht es nach Müllbergen, Berlusconi, Lega Nord und allzu billigem Fernsehen. In Sizilien ist es umgekehrt: das riecht aus der Ferne nach Mafia, Zigarren und Sonnenbrillen, aus der Nähe aber nach Meer, Fischen, Sonne... Bayern riecht aus der Ferne nach Weißwüsten, Lederhosen und zünftigen Kellnerinnen im Dirndl, die schwitzend im Laufschritt riesige Maßkrüge frischen Bieres schleppen. Aus der Nähe – na, das wissen Sie ja selbst. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen: Aus ferner Ferne riecht Paris nach Liebe, Valencia nach Leidenschaft, Moskau nach Wodka, Wien nach vergoldeten Marzipanherzen, Tirol nach Edelweiß in schwindelnder Höh, Hamburg nach Hafen. Wunderbare Welt der Vorurteile, wie gerätst Du doch bei jeder wahren Berührung ins bedrohliche Wanken!

Die Polit-Akrobaten in Brüssel haben aus Geruchsgründen den geografisch wie geschichtlich absurden Begriff „West-Balkan“ erfunden: Sie wollten, dass auch ein nach Sonnenmeer und Garnelen, nach Renaissance und Barock riechendes Kroatien ein wenig nach Eselkarren, fetten Würsten und in Trainingsanzügen telefonierenden Businessmen riechen sollte – aus der Ferne. Griechenland dagegen roch, aller Osmanenzeit zum Trotz, nie nach „Süd-Balkan“, sondern nach Aristoteles und Platon, Leonidas und Themistokles. Deutsche Philhellenen haben das südlichste Land Südosteuropas jahrzehntelang mit einem Parfum namens „Antike“ eingesprüht. Erst in diesen Tagen, da Athen so stark ins Schwitzen gerät, kommt der dominante Balkan-Geruch wieder durch.