Glosse: Wahlkampf im Klassenzimmer

Von Stefan Meetschen

An Universitäten, Volkshochschulen und Gymnasien herrscht Ruhe, nur in manchen Bundesländern hat der Lehrbetrieb bereits begonnen. Etwa in Berlin, wo Kinder und Jugendliche seit Anfang August den neuen Unterrichtsstoff pauken dürfen. Die Armen! Wenigstens für die zwölfte Klasse, Grundkurs Geschichte, des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums in Berlin-Prenzlauer Berg gab es in dieser Woche eine kleine Abwechslung. Eine gewisse Frau Merkel, eigentlich Physikerin und Bundeskanzlerin, übernahm für eine Stunde den Unterricht, um den Kids den Mauerbau zu erläutern. Da war ja mal was. Zwischen Ost und West, irgendwie. Man konnte nicht rüber oder nur von einer Seite. Kalter Krieg und so.

Dass die nette Frau für so etwas Zeit hat – mitten im Wahlkampf! – Politiker sind wirklich höhere Wesen. Oder war das etwa gar kein Unterricht, sondern ein Wahlkampf-Termin? Dann dürfen sich Deutschlands Schüler bis zum 22. September noch auf einiges gefasst machen. Vielleicht taucht bald der nette Herr Steinbrück von der SPD auf, der mit dem Grundkurs Wirtschaft über das Aushandeln von Vortragshonoraren sprechen möchte oder der nette Herr Trittin, der – selbstverständlich nicht als Frontalunterricht – Tiefgründiges über die Farbmetamorphose von Tiefrot zu Tiefgrün zu sagen hat. Vom Vertretungslehrer Schäuble und dem Burner Spenden in Plastiktüten gar nicht zu reden. Einziger Trost – der Sommer soll noch nicht vorbei sein. Gut möglich, dass manche Unterrichtsstunde wegen Hitzefrei ausfällt. Trotz Wahlkampf.