Glosse: Unter dem Weihnachtsbaum

Von Josef Bordat

Gold kann ich mir nicht leisten. Weihrauch und Myrrhe sind nicht „angesagt“. Dennoch sollte es etwas sein, das die geistig-geistlichen Naturanlagen meines Neffen vervollkommnet, um in ihm Verantwortungsbewusstsein, Friedfertigkeit, Demut und den Willen zu stärken, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, in dem der Anbruch des messianischen Reiches spürbar wird. Wir einigen uns auf ein Computerspiel. Im Rahmen von Computerspielen können junge Menschen lernen, wie man einen Fußballverein zugrunde richtet („FIFA-Manager3000“) und wie man die westliche Welt vom Terror befreit („KillingKaida 4.0“). Auch wenn ich trotz allem nicht ganz davon überzeugt bin, dass die genannten Erfahrungen wirklich zum obligatorischen Teil des Curriculums Vier- bis Zwölfjähriger gehören, mache ich mich auf den Weg in ein einschlägiges Etablissement, in dem derlei Dinge feilgeboten werden. Ich lerne dank eines etwa 18-jährigen Verkäufers das wesentliche Unterscheidungsmerkmal kennen: Blut ist rot („So wie in echt halt“). Oder: Blut ist grün („Ab 6 Jahre“). – „Vielleicht haben Sie auch Spiele mit, ich meine, mit nicht ganz so vielen Straftatbeständen?“ Ich verlasse den Laden mit einem Spiel namens „BadWorld3“. Hier geht es kurz gesagt darum, dass man – also: die Figur, die der Spieler durch die Szenerie lenkt – möglichst viele hochrangige Mandatsträger, Unternehmensleiter und Kulturschaffende beleidigt, selbst jedoch ganz ruhig im eigenen Sessel sitzen bleibt und sich nur erhebt, um ein frisches Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Tolle Grafik! Es gibt verschiedene Schwierigkeitsstufen und Zusatzpunkte für die Entwicklung origineller Verschwörungstheorien. Früh übt sich!