Glosse: Senioren auf dem Dach

Von Stefan Meetschen

Ein junger Mann mit Ehrgeiz ist normal, ein alter Mann mit Ehrgeiz ist peinlich – so sah man es früher, doch heute, wo die 60-Jährigen die neuen 40-Jährigen sind, hat sich das Altersgefühl geändert. Man darf nicht überrascht sein, wenn auch 80-Jährige (also die neuen 60-Jährigen) hoch hinauswollen. Im wahrsten Sinne des Wortes. In diesen Tagen hat der Japaner Yuichiro Miura (80) den Mount Everest bestiegen. Eine echte Leistung. Mit 8 848 Metern ist der Berg im Himalaya schließlich der höchste Gipfel der Welt. Buddhisten wissen, dass er zudem der Sitz von Jomo Miyo Lang Sangma ist, einer der fünf Schwestern des langen Lebens, was man aber nicht unbedingt als Lebensversicherung auffassen sollte. Die Liste der Bergsteiger, die den (versuchten) Aufstieg des Everest mit dem Tod bezahlt haben, ist lang. Auch deutlich jüngere Bergsteiger hat es häufig erwischt: Absturz, Sauerstoffknappheit. Weshalb die Erstbesteigung des Berges vor 60 Jahren durch Edmund Hillary eine echte Sensation war. Hillary wurde in den Adelsstand erhoben und gilt bis heute als Legende. Eine Belohnung, die bei Yuichiro Miuro eher unwahrscheinlich ist. Sein direkter Rivale, der Nepalese Bahadur Sherchan, der bisherige Rekordhalter als ältester Everest-Bezwinger, will sich den Titel zurückholen. Er steht bereits im Basislager bereit und hat den Vorteil, 81 Jahre alt zu sein. Gelingt sein Aufstieg auf das „Dach der Welt“, wie man den Everest nennt, ist Miuro die Lorbeeren wieder los. So ein Pech. Doch schon Luis Trenker wusste: „Das Allerwichtigste beim Bergsteigen ist, dass man lange lebt.“ Stefan Meetschen