Glosse: Oh, boys!

Natürlich kann man darüber streiten, ob Dänemarks Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt, Englands Premierminister David Cameron und US-Präsident Barack Obama gut beraten waren, als sie auf der Trauerfeier für Nelson Mandela die Köpfe für ein „Selfie“ mit Thorning-Schmidts i-Phone zusammensteckten. Als „Selfie“, das in Camerons Heimat gerade zum „Wort des Jahres“ gekürt wurde, werden Porträts bezeichnet, die man mit Digitalkameras oder Smartphones von sich selbst aufnimmt, um damit anschließend der Rest der Welt zu beglücken. Vor allem bei Jugendlichen stehen „Selfies“ hoch im Kurs, werden mit Kommentaren wie „Ich mit XY“ versehen und wahlweise auf der eigenen Facebook-Seite eingestellt oder an ausgewählte Freunde „gepostet“. Und in der Tat wirken die drei Regierungschefs auf der Bilderserie, die ein Pressefotograf von ihnen schoss, eher als befänden sie sich auf einem Ausflug für Internatszöglinge, denn auf einer Trauerfeier. Erstaunlicher als die kindliche Freude, der sich die Staatslenker hingaben und die offenbar erst ein jähes Ende fand, als sich die sichtlich nicht amüsierte, ungekrönte Königin von Amerika, Michelle Obama, zwischen ihren Barack und „Gucci-Helle“ setzte, wie der dänische Boulevard die blonde Ministerpräsidentin auch nennt, ist jedoch die Ernsthaftigkeit, mit der selbst seriöse Zeitungen wie die „Washington Post“, der „Guardian“ oder die „Dagbladet Information“ das „Selfie“ diskutieren. Dabei haben sich Obama und Cameron vielleicht nur deshalb so amüsiert, weil die Jungs wussten, dass Thorning-Schmidt ihnen das „Selfie“ nicht mal schicken muss und sie – NSA und GCHQ sei Dank – auch schon alle anderen „Selfies“ kennen, die „Gucci-Helle“ von sich und anderen gemacht hat. Stefan Rehder