Glosse: Nicht käuflich, aber billig

Von Stephan Baier

Die Wirklichkeit ist voll guter Nachrichten. Immer sind es nur böse Journalisten, die daraus finstere Schlagzeilen machen und Saubermänner der Politik anschwärzen. Jüngstes Beispiel: Da versuchten Kollegen von der „Sunday Times“, 60 Europaabgeordnete (mehr konnten sie sich wohl nicht leisten) in finanzielle Versuchung zu führen, indem sie sich als Lobbyisten ausgaben und Bares für kleine Gesetzesänderungen boten. Da überschlagen sich die guten Nachrichten: Nur 14 Abgeordnete haben Interesse signalisiert. Das sind 23, 33 Prozent der Angefragten beziehungsweise magere 1, 9 Prozent aller Europaabgeordneten. Nur in drei Fällen (also fünf Prozent der Angefragten beziehungsweise 0, 41 Prozent der Abgeordneten) ließen sich die Volksvertreter so weit mit den als Lobbyisten getarnten Enthüllungsjournalisten ein, dass die „Sunday Times“ davon peinliche Videos drehen konnte.

Als Ehrenmänner traten ein slowenischer und ein rumänischer Sozialdemokrat sowie ein österreichischer Christdemokrat dann auch unter lauten Unschuldsbeteuerungen zurück. Letzterer, der ÖVP-Mandatar und Ex-Innenminister Ernst Strasser stammelte im Gespräch mit den „Lobbyisten“ (aus einem dem Englischen verwandten Idiom übersetzt): „...wenn etwas Bestimmtes ins Parlament kommt, können wir versuchen, auf Leute Einfluss zu nehmen“. Er habe nur den Provokateur gespielt, meinte Strasser später unschuldig, weil er an die Hintermänner der Lobbyisten herankommen wollte – natürlich um diese auffliegen zu lassen. Geschickt, wie er die Fahndung nach den Hintermännern tarnte: „Ich frage nicht, wer Ihr Klient ist. Ich will das nicht wissen...“. Er bekomme 100 000 Euro, sei „immer sehr diskret“ und bevorzuge „undercover“ zu sein. Wir empfehlen dem Ex-Abgeordneten eine Karriere als Privatdetektiv und Schauspieler.