Glosse: Minimal invasiv lernen

Keiner legt sich gerne unters Messer. Dennoch ist es erfreulich, dass Skalpelle heute oft nach der sanfteren minimal invasiven Methode geschwungen werden. Lässt sich diese Methode auch auf Bildung und Erziehung anwenden? Ja, lautet die klare Antwort eines indischen Bildungsforschers. Er wollte – warum auch immer – herausfinden, was Kinder machen, wenn sie mit einem öffentlich zugänglichen und mit dem Internet verbundenen Computer konfrontiert werden. Das erstaunliche Ergebnis: Sie lernten den Umgang damit ganz allein.

Die Idee der minimal invasiven Bildung war geboren. Für Eltern ist das keine grundstürzende Neuigkeit. Bringen sie ihre Kinder mit einer öffentlich zugänglichen und von Regenwasser durchsetzten Ansammlung von Sandkörnern zusammen, sind sie auch schon Experten im Umgang damit. Wenn kein Sand zur Hand ist, führen Kartoffelbrei oder Pommes mit Ketchup zum gleichen Resultat. Auch wenn Kinder nach Auskunft unseres Bildungsforschers schon nach neun Monaten am Freiluft-PC mit dem Niveau einer Bürokraft in westlichen Ländern Schritt halten können, so ist sich die Fachwelt noch nicht einig, wessen Qualifikation Kinder nach einem neunmonatigen minimal invasiven Umgang mit analogem Gerät wie dem Rechenschieber in den Schatten stellen. Jedenfalls heißt minimal invasive Bildung: Schluss mit ABC, Einmaleins und drögen Paukern, die Schülern das Leben vergällen können. Die minimale Invasion von Bildungsinhalten ist der Nürnberger Trichter in höchster, da moderner Vollendung. Man wird gebildet ohne den üblichen Schnickschnack wie Hausaufgaben, Prüfungen, Noten und so. Schon die Kleinsten der Kleinen qualifizieren sich zur Bürokraft, wenn sie nur beim Windelwechsel die Augen nicht vom PC lassen. Und wer weiß, vielleicht haben auf diese Weise auch manche Bildungsforscher ihre Expertise erworben. Bernhard Huber