Glosse: Mehmet Scholl totgesagt

Mehmet Scholl und „Das Erste“ trennen sich. Die ARD verkündete am Donnerstag, man verliere einen „meinungsstarken, streitbaren und originellen Experten“. – Wenn man einem dummen Wortwitz glaubt, ist der Tod zwar umsonst, aber er kostet das Leben. Ungefähr so muss es Leo Fischer gedacht haben. Das ZEIT Magazin überlässt einem Gast für eine Woche den Twitter-Account. Diesmal fiel die Wahl auf den früheren TITANIC-Chef. Der twitterte am 10.08., um 10.35 satiregallig vor sich hin: „Eilmeldung: Mehmet Scholl ist tot“. 40 Minuten später erklärte die ZEIT Fischers Twitter-Kolumne für beendet. Statt des ZEIT-Logos wurde ein Foto von Fischer eingeklinkt. Darauf sieht er aus wie ein junger Howard-Carpendale-Darsteller auf Ecstasy. Man ist froh, dass er nicht auch noch anfängt zu singen.

Auch Scholl traf den Ton eher selten. Der Dumpfbackenstreich für den laufscheuen Stürmer Gomez – „Ich hatte zwischendurch Angst, dass er sich wundliegt“ – war respektlos gegenüber Schwerkranken. Die Titulierung Cristiano Ronaldos als „Miss September“ nahmen nicht nur empfindsame Seelen als sexistisch wahr. Das Gerede von Laptop-Trainern konnte selbst sein dauergrinsender Counterpart Opdenhövel nicht weglächeln. Mein lieber Scholli, das war kein Heldenstück! Nie schwang er sich zu jenem ästhetisierenden Sprachgewusel auf, das die Grimme-Preis-Beladenen Netzer und Delling pflegten. Nie reichte er an die Beckenbauer'sche Sprachphilosophie des „Schaun mer mal“ heran. Auch philosophische Dauerlutscher wie Herbergers „Das Runde muss ins Eckige“ kamen ihm nicht die Lippen. Das Spiel ist aus, der Ball bleibt rund. Von den Gebührenzahlern wurde er mit geschätzten 800 000 jährlich gepampert. Zugegeben, für solche Peanuts würde Neymar nicht mal die Lippen kräuseln. Burkhardt Gorissen