Glosse: Maulwürfe im Vatikan

Von Guido Horst

Als Einstimmung in die Fastenzeit hat die Regierung Mario Monti eine Liste mit den Gehältern veröffentlicht, die die Ministerinnen und Minister des Kabinetts verdienen. Allmählich wird die Sache pathologisch. Soviel political correctness – das gehört sich für Italien einfach nicht. Schon hat Silvio Berlusconi sein Bußschweigen beendet und wirbt wieder für sich und seine Partei. Aber das Kalkül des aus dem Amt geschubsten Cavaliere könnte haarscharf danebengehen. Über sechzig Prozent der Italiener finden Umfragen zufolge Gefallen an der landesuntypischen Redlichkeit, mit der sich die Ministerrunde des Wirtschaftsprofessors aus Bologna präsentiert. Zumal die Rolle des Halbseidenen, Skandalösen und Intrigenhaften im Stiefelstaat längst auf jemand anderen übergegangen ist. Die Mafia? Nein. Die Freimaurerei? Auch nicht.

Auf den Vatikan? Genau! „Corvo“ (Krähe) oder „talpa“ (Maulwurf) nennt man inzwischen die unrühmliche Person, die vertrauliche Dokumente aus den heiligen Schubladen des vatikanischen Staatssekretariats an die Öffentlichkeit oder in Journalistenhände schmuggelt. Etwa in die des Moderators Gianluigi Nuzzi, der vor drei Wochen auf dem Sender „La7“ einige dieser Papiere präsentierte, die alle den Stempel „Vertraulich“ tragen. Doch jetzt kommt es, oder besser, es kam schon, gestern Abend, als diese Zeitung leider schon die Druckmaschine verlassen hatte: Der „Maulwurf“, die „Krähe“ trat jetzt höchstpersönlich in der Sendung Nuzzis auf – und gab diesem ein Interview. Mit Sonnenbrille und verstellter Stimme. Und was enthüllte der Dokumentendieb in päpstlichen Diensten? Dass er nicht alleine ist, sondern dass es zwanzig „Maulwürfe“ hinter vatikanischen Mauern gibt. Da kann die Fastenzeit ja heiter werden!