Glosse: Humankapital kann warten

Von Bernhard Huber

Uns wurde ein streng geheim gehaltener Appell der Bundesregierung zugespielt. Er richtet sich an die Internationale Humankapitalvereinigung, einer nachgeordneten Einrichtung der Vereinten Nationen in New York. Aufgrund seiner Brisanz sehen wir uns verpflichtet, das auffallend undiplomatisch gehaltene Papier der Öffentlichkeit vorzulegen: „Wir ersuchen das hochverehrte Humankapital, bis auf weiteres auf eine Steigerung der Geburtenzahl in der Bundesrepublik Deutschland zu verzichten. Als erstes müssen wir, ehe wir uns um Deine Erziehung kümmern können, eine Diskussion um das Betreuungsgeld durchstehen. Das braucht Zeit in einer Demokratie, und in der unseren erst recht. Jeder will seinen Senf dazugeben. Solange ist unklar, ob wir Dich überhaupt brauchen können, zumal unsere Papas und Mamas in die Arbeit gehen müssen. Das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand, sämtliche im Bundestag vertretenen Parteien und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Außerdem müssen wir unsere gesamte Infrastruktur massenweise mit Betreuungsplätzen für die unter Dreijährigen nachrüsten. Schließlich haben wir uns selbst per Gesetz dazu verpflichtet. Jedes Baby hat ab 2013 das Recht, in der Krippe erzogen und gebildet zu werden. Natürlich hat es auch das Recht, von den Eltern erzogen zu werden. Aber Du kannst von einem modernen Exportweltmeister, wie wir einer sind, nicht erwarten, dass er sich auf althergebrachte und weltfremde Weise um seine Kinder kümmert, mit Papa und Mama und so. Die müssen ja wie gesagt in die Arbeit gehen. Wir melden uns wieder, wenn wir soweit sind, dass wir Dich willkommen heißen können. Kannst Dich drauf verlassen. Ich wünsche Dir als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland für Deine Zukunft alles Gute.“